KLAUS HOFFMANN ( 1975 )

01. Meine stolze Galeere  02. Der König der Kinder  03. Die 3 Musikanten
04. So sind hier die Leute  05. Amsterdam 06. Sarah 07. Gerda 08. Adieu Emile
09. Das alte Lied 10. Anna Pollinger 11. Feuervogel

Meine stolze Galeere

Du sollst erwachsen sein,

im Herzen bist Du Kind,

ein Wort von dir sprengt jede Sitzung.

Du willst kein großer Redner sein,

denn deine Ziele sind nur Fragen.

Ich weiß,

den Frühling schenk ich dir dafür.

Knie an Knie mit dir,

du bist meine stolze Galeere.

Knie an Knie mit dir,

zwei auf einer stolzen Galeere,

schwimmen gegen einen Strom

aus Spott und Angst und Hohn.


Hör auf, laß sein,

es nützt nichts,

wär mein Nachtgebet,

gäbst du mir nicht den langen Atem.

Ich will ein guter Redner sein,

doch meinen Zielen stellst du Fragen.

Ich weiß,

den Sommer schenk ich dir dafür.

Knie an Knie mit dir,

du bist meine stolze Galeere.

Knie an Knie mit dir,

zwei auf einer stolzen Galeere,

schwimmen gegen einen Strom

aus Spott und Angst und Hohn.


Schon fast vergessen ist der halbe Silbermond,

den ich für dich im Park gestohlen.

Nur eine Amsel singt uns noch

ganz verstört die alten Lieder.

Ich weiß,

im Herbst, da liege ich bei dir.


Knie an Knie mit dir,

du bist meine stolze Galeere.

Knie an Knie mit dir,

zwei auf einer stolzen Galeere,

schwimmen gegen einen Strom

aus Spott und Angst und Hohn.


Uns bleibt nicht mehr viel Zeit für Unentschlossenheit,

für Illusion, Kaffee und Spielchen.

Ich werde fragen nach dem Sinn

dieser ersten tristen Jahre.

Ich weiß,

den Winter schenkst Du mir dafür.

Knie an Knie mit dir,

du bist meine stolze Galeere.

Knie an Knie mit dir,

zwei auf einer stolzen Galeere,

schwimmen gegen einen Strom

aus Spott und Angst und Hohn.

 

 

 

 

 

Der König der Kinder

Eines Tags in meiner Straße

es begann wie jeden Tag

Kinder auf den Stiegen saßen

schauten auf wie jedesmal

wenn der Alte durch den Regen

seinen Leierkasten schob

zu schwach, die Füße zu bewegen

seinen Kopf zum Singen hob


Dann war er König dieser Kinder

er war ein armer Mann für sie

Und auch ich stand oft daneben

brüllte mit voll Leidenschaft

in seiner Stimme war ein Beben

wenn er sang mit letzter Kraft

oftmals ging ein feines Lächeln

um den alten verknitterten Mund

wenn wir Knirpse ihn umstanden

brüllten mit aus vollstem Schlund


Dann war er König dieser Kinder

er war ein armer Mann für sie


Später sah ich ihn dann wieder

auf dem Hof von nebenan

bettelnd sang er seine Lieder

verbrannt und voller Gram

und kein Kind stand mehr daneben

mit offenem Mund voll Seligkeit

in seiner Stimme war kein Beben

vorbei die ganze Herrlichkeit


Er war der König dieser Kinder

er war ein armer Mann für sie.


 Die 3 Musikanten

Er sagte, ich spiele Flöte,

der zweite, ich Fagott,

der dritte, ich Trompete,

und sie wollten ein Komplott,

und sie saßen bis zum Abend,

sie fragten, wie und wer,

und der Abend war sehr labend,

doch man hörte die Musik nicht mehr.


Nur der Alte in der Ecke

war recht still und sprach nicht oft,

wälzte sich aus seiner Decke,

rückte ran und sagte schroff,

ich spiel so gut wie nie,

ich spiel die Todesmelodie,

und er brachte still und stumm

die ganze Sippschaft um.


Bei dem Krach da flogen Teller,

und ein Tisch, der stürzte um,

und ein Weib kam aus dem Keller,

betrat den Raum und sah sich um,

und er nahm sie bei der Hand,

ging mit ihr durchs ganze Land,

und sie brachten große Not

mit dem Lied vom Tod.


Und als der Krieg vorbei war,

da waren sie alt und grau,

und weil kein Weib mehr da war,

da nahm er sie zur Frau.

Und sie würgte ihm drei Söhne,

die waren dick und dünn,

doch die hatten andere Töne,

nicht das Lied im Sinn.


Und der erste von den Söhnen

wollte Flöte spielen wie nie,

doch der zweite stand auf Tönen

aus 'ner Liebesmelodie.

Und sie saßen bis zum Abend,

und sie fragten wie und wer,

und der Abend war sehr labend,

doch man hörte die Musik nicht mehr.

 

 

 

Sarah

Wenn eines Tags der Regen brennt,

und der Schnee die Sonne schwemmt,

dann hörst du wie der Stumme spricht,

wenn der Blinde sieht,

und der Lahme flieht,

dann stehst du vor dem Gericht,

und dann mein Täubchen wirst du sehen,

daß alles so begann,

wie der Heilige Alte gab es zu verstehen,

deine Liebe zu einem Mann.


Sarah, Gott verzeih dir deine Schönheit

Sarah, mir scheint es wie Verlogenheit

Sarah, entlock dir ein paar Tränen,

die nach ehrlichem Weinen sich ersehnen.


Wenn der Soldat sich erschlägt

und die Kirche Feuer legt,

dann siehst du wie die Blume träumt,

wenn ein Krüppel dich betört

und der Taube dich erhört,

dann siehst du wie ein Falter weint,

und dann mein Engel nimm den Klunker,

kauf dir ein neues Herz,

leg es ein in deinen menschlichen Bunker

und warte auf den schleichenden Schmerz.



Sarah, wo bleibt die goldenen Larve

Sarah, wo bleibt dein Teufel mit der Harfe

Sarah, ich schnitz dir einen Pferdefuß

damit du nicht mehr laufen mußt

Wenn ein Irrer dich anlacht

und dein Pulsschlag Pause macht,

dann merkst du wie die Jugend schnell verfliegt,

wenn ein Pfaff die Augen rollt,

und ein Kind im Käfig tollt,

dann siehst du, daß das Glück auch lügt,

dann endlich siehst du dich im Spiegel

deiner einfallsreichen Welt,

die dir nur einen goldenen Riegel

vor deine Seele stellt.


Sarah, dann stehst du vor den Toren

Sarah, die mit offenen Ohren

Sarah, dich vom hohen Roß entheben

Sarah, dann wirst du leben.

 

 

 

 

 

Gerda

Es ist Juli, Sommernächte fliegen ohne Hast,

verweilen kurz und schläfrig,

über Dächern und dem frisch gestochenen Torf.

Eine Meute kleiner Jungen

streift ein letztes Mal für diesen Tag

durch das abendlich

nach warmen Kühen duftende Dorf.

Dicke Mütter ziehn die Bengels zeternd

hinter schnell geschlossene Türen,

stoßen liebevoll den Kleinen zum Wassereimer hin,

das Lachen muß ihm wohl vergehn,

er sieht seinen Strullermann im Wasser stehn

und denkt an Gerda.

Durch die Stube drängt ein warmer Duft

von Großmutter und Schmalz und Wurst,

der Vater stinkt und lacht

und kneift die Frau.

Der Kleine läuft zum Vater hin,

ein Kuß mit Bier und Bart

und viel Gefühl,

die Mutter streicht ihm zärtlich durch das Haar.

Sie trägt ihn lachend in sein Bett,

sie küßt ihn, löscht das Licht

und schließt die Tür.

Er wartet, bleibt ganz still

und steht dann auf,

geht zum Fenster

und macht es auf,

sieht den Markplatz und die Nacht

und spürt den Wind

und sieht Gerda


Tanze, Gerda, tanze,

tanz die ganze Nacht,

brauchst sie nicht zu fürchten,

wir geben schon drauf acht,

daß nicht die Alten kommen,

tanze, Gerda, tanz.


Im Einhorn fängt die Nacht erst an,

da sitzen Melker neben manchen andern,

da steigt die Lotti, wenn sie voll ist, auf den Tisch,

da krachen Stühle,

wenn die Männer viel vom schweren Wein getrunken haben

und klatschen brüllend mit

wenn Lotti sich vergißt.

Da steht der Buckel auf

und sagt, ist Zeit,

die anderen gehen automatisch mit,

sie ziehen geschlossen Arm in Arm

nach draußen auf den Platz,

atmen gierig Wind und ihren Fusel ein

und die Lotti säuselt immer kräftig mit

und sehn auf Gerda.


Tanze, Gerda, tanze,

tanz die ganze Nacht,

brauchst sie nicht zu fürchten,

wir geben schon drauf acht,

daß nicht die Alten kommen,

tanze, Gerda, tanz.


Jetzt ist Nacht, erst richtig Nacht

und der Marktplatz tobt und kracht

und die Gören an den Fenstern brüllen mit.

Der Buckel sitzt auf einem Faß,

die Lotti hängt an seinem Arm

und beide starren auf die Mitte von dem Platz

wo der Sohn des Melkers tanzt,

in seinen Haaren krallt sich Gerda

und beide jagen aus der Menge jetzt heraus,

sie verschwinden im Dunkel der Nacht

und die Menge singt und lacht

und will wie Gerda.


Tanze, Gerda, tanze,

tanz die ganze Nacht,

brauchst sie nicht zu fürchten,

wir geben schon drauf acht,

daß nicht die Alten kommen,

tanze, Gerda, tanz.

 

 

 

 


Das alte Lied

Weißt du noch,

vor der riesigen Eiche am Nordrand des Dorfes,

in der Aue von Hubert, dem Mörder des Ortes,

wenn die Kinder kamen,

uns Nesseln auf Rücken und Bäuche warfen.

Weißt Du noch, weißt Du noch, weißt du noch.


Wenn wir auf alles, was die Welt uns bot, nicht fluchten,

wir liebten uns dort,

wenn dein Arm mich führte

durch dein Haar, durch die Nacht,

wenn ich den siebenten Himmel

im Mais wieder suchte,

dann rochen wir dort

die Nesseln, das Feld

wie die Kinder vom Ort

und mein Herz blieb stehn

für Sekunden stehn, Sekunden stehn, Sekunden stehn.


Weißt du noch,

vor dem alten Tor an der Scheune,

als der Bauer das Kauen vergaß,

und du fragtest nach Betten, nach Stroh oder Wein,

und dann krachte es im Heu,

weißt du noch, weißt du noch.

Wenn ich morgens die Tränen nicht halten wollte,

weil ich dachte an Stadt und an Job und an Geld.

Als die reiche Alte mich holen wollte

mit Auto und Schmuck,

dem Preis für die Welt,

und dann nahmst du mich

wie ein Kind vom Ort

und mein Herz blieb stehn,

für Sekunden stehn.


Weißt du noch,

als wir die Alten anpumpten,

als der Förster uns Geld für die Fahrkarte gab,

als dem Kind, das Geld von uns haben wollte,

Wasser und Rotz aus den Augen rann,

und dann hielt der Zug,

weißt du noch, weißt du noch.


Als ich lässig aufs Trittbrett der Alpträume sprang,

und mein Lächeln nach 13 Stationen verschwand,

als den Mist ich aus Haaren und Kleidern schob,

und ich kämmte das alte Lied ins Gesicht,

und ich dachte an dich,

und mein Herz blieb stehn,

für Sekunden stehn, Sekunden stehn, Sekunden stehn.


Ist nur das alte Lied,

nur das alte Lied.

Werd bloß nicht schwach, Klaus,

leg dich nicht müd zur Ruh,

lauf aus der Nacht, Klaus,

sie halten dir die Sinne zu

und wolln ja nur das alte Lied,

das du noch tattrig singen wirst,

wenn als gebrochener Biskuit

du zu den faulen Plätzchen irrst


Nein, mach sie wach, Klaus,

stör sie in ihrer Ruh,

lauf in die Nacht, Klaus,

und hören sie dir ruhig zu,

dann sing nochmal das alte Lied

und zeige wie es klingen soll.

dann wirds bestimmt zum neuen Lied

für alle klar und einsichtsvoll.

 

 

 

 

Anna Pollinger

Wenn du mal durch die Schellingstraße gehst

dort im Bezirk 16,

wo nicht nur der Mond Überstunden macht,

dann halt kurz an bevor du weitergehst,

die Anna Pollinger, die wohnte dort auf Nummer 8.


Sie war nicht hübsch, aber nett

und nicht unangenehm,

was ihrem Durchschnittsgesicht sehr gut stand,

und durch die Arbeit im Kontor eines Mietwagenleihs

bekam sie 600 Mark bar auf die Hand,

das reichte für ein Fahrrad zwar auf Pump,

hingegen nahm sie oft ein kollegialer Kavalier

auf dem Motorrad mit,

der feine Lump,

dafür verlangte er auch meistens was von ihr.


Sie ließ aber immer nur einen drüber,

das hat ihr das Leben beigebracht,

und grad dieser Herr, der war ihr zuwider,

doch er ging meist nach einer kurzen Nacht.

Und sie ruhte sich aus bei den Herren im Salon,

sie wollte sich nicht sehnen,

was sie trotzdem tat,

und sie hörte was die Herren untereinander sprachen,

und auf einmal da wurde ihr ganz fad.

Denn mit ihr da sprachen sie sehr wenig,

nur dann, wenn einer grad mal mußte,

sie wurde ganz empört ein wenig

und ein wenig ließ sie dann auf sich herab.


Einmal ging sie mit 'nem Herren fast ein Jahr,

der hieß Fritz und war recht akkurat,

und als sie in gewissen Umständen war,

da wurde dem Fritz auf einmal fad,

und er stieg mit ihr am Allerheiligen

auf den Wasserkarr und es war Nacht,

und beim Abstieg ließ er sie tüchtig springen,

da war das Wurm in ihr schon umgebracht.


Seit dem Abstieg hatte sie die blasse Farbe,

und sie wurde auch nie wieder ganz gesund,

und manchmal spürte sie's im Unterleib gewaltig,

doch das trug sie keinem nach,

nein, das trug sie keinem nach,

doch das trug sie keinem nach,

sie war ein starker Hund.


Sie ließ aber immer nur einen drüber,

das hat ihr das Leben beigebracht,

und grad dieser Herr, der war ihr zuwider,

doch er ging meist nach einer kurzen Nacht.

Und sie ruhte sich aus bei den Herren im Salon,

sie wollte sich nicht sehnen,

was sie trotzdem tat,

und sie hörte was die Herren untereinander sprachen,

und auf einmal da wurde ihr ganz fad.

Denn mit ihr da sprachen sie sehr wenig,

nur dann, wenn einer grad mal mußte,

sie wurde ganz empört ein wenig

und ein wenig ließ sie dann auf sich herab.

 

Feuervogel

Hab keine Angst vor mir mein Lieb

komm, steh' vom Rinnstein auf

und geh mit mir ein kleines Stück.

Hab keine Angst vor mir, mein Lieb

brauchst keine Angst zu haben

vor dem düsteren Mann, der mit dir geht.

Regen fällt ganz sacht auf Blüten,

die schon jetzt zur Ruh' gegangen,

Morgenrot besingt der Vogel,

der schon bald vom Schlaf befangen.


Komm in das Land

wo der Feuervogel wohnt,

der mit Liebe dich belohnt,

weil dort Leben nur die Liebe ist,

weil die Liebe dort das Leben ist.


Hab keine Angst vor mir mein Lieb

und trage ich auch einen wilden schwarzen Bart.

Hab keine Angst vor mir mein Lieb

selbst dein Vater würde gern

wenn er nur könnt nach meiner Art.

Ich seh so viele graue Stunden

in deinem Kindgesicht,

auch spätere Jahre wischen nicht

die Narben vom Gesicht.


Komm in das Land

wo der Feuervogel wohnt,

der mit Liebe dich belohnt,

weil dort Leben nur die Liebe ist,

weil die Liebe dort das Leben ist.


Auch ich hab Angst mein Lieb,

der Sommer brennt im nächsten Herbst.

Auch ich hab Angst mein Lieb,

gib mir die Hand

dann wird es leicht das kalte Herz.

Der Regen wischt das Blut

aus meinem Feuervogelland,

doch Blut, bleibt dennoch Blut,

wischt es auch die allerreinste Hand.

 

Such dir ein Land,

wo der Feuervogel wohnt,

der mit Liebe uns belohnt,

weil dort Leben nur die Liebe ist,

weil die Liebe dort das Leben ist,

weil die Liebe dort das Leben ist.