ICH WILL GESANG, WILL SPIEL UND TANZ ( 1977 ) 

01. Ouvertüre (instrumental)  02. Georgia  03. König der Kinder  
04. Die alten Weiberlein  05. Gerda  06. Drei Musikanten  07. Die Mutlosen  
08. Der kleine Junge  09. Das alte Lied  10. Mein Flanderland  
11. Amsterdam  12. So sind hier die Leute  13. Sarah  14. Puppen 
15. Ballade von den Seeräubern  16. Blinde Katharina  17. Geh' nicht fort von mir  
18. Marieke  19. Ein neuer Anfang  20. Adieu Emilie  21. Markttag 
22. So trollen wir uns   23. Allein

 

 

 

Georgia

(Hoffmann/Brecht)

Sieh, diese Stadt

und sieh, sie ist kalt.

Erinnere Dich,

wie lieblich sie war.

Jetzt betrachte sie nicht

mit Deinem Herzen, sondern kalt

und sage, sie ist alt.



Komm mit mir nach Georgia,


dort bauen wir halt eine neue Stadt.

Wenn diese Stadt zu viele Steine hat,

dann bleiben wir nicht mehr da.

Sieh diese Frau,

doch sieh, sie ist kalt.

Erinnere Dich, 

wie gut sie einst war.

Jetzt betrachte sie nicht

mit Deinem Herzen, sondern kalt,

und sage, sie ist alt.


Komm mit mir nach Georgia,

dort lass uns schauen nach neuen Frauen.

Wenn diese Frauen wieder kalt ausschauen,

dann bleiben wir nicht mehr da.


Und sieh Deine Ansichten,

doch sieh, sie sind alt.

Erinnere Dich, 

wie gut sie einst waren.

Jetzt betrachte sie nicht

mit Deinem Herzen, sondern kalt

und sage, sie sind alt.


Komm mit mir nach Georgia,

dort wirst Du sehen, gibt es neue Ideen.

Und wenn die Ideen wieder alt aussehen,

dann bleiben wir nicht mehr,

dann, dann bleiben wir nicht mehr da.

 

 

 

König der Kinder

Eines Tages in meiner Straße, 

es begann wie jeden Tag,

Kinder auf den Stiegen saßen,

schauten auf wie jedes Mal,

wenn der Alte durch den Regen

seinen Leierkasten schob,

zu schwach die Füße zu bewegen,

seinen Kopf zum Singen hob


Dann war er König dieser Kinder

er war ein Troubadour für sie


Und auch ich stand oft daneben

brüllte mit vor Leidenschaft

In seiner Stimme war ein Beben,

wenn er sang mit letzter Kraft

Oftmals ging ein feines Lächeln

um den alten verknitterten Mund,

wenn wir Knirpse ihn umstanden,

brüllten mit aus vollstem Schlund


Dann war er König dieser Kinder

er war ein Troubadour für sie

Später sah ich ihn dann wieder

auf dem Hof von nebenan

bettelnd sang er seine Lieder

verbrannt und voller Gram,

und kein Kind stand mehr daneben,

mit offenem Mund voll Seeligkeit

In seiner Stimme war kein Beben

vorbei die ganze Herrlichkeit 


Er war der König dieser Kinder

er war ein Troubadour für sie

 

 

 

Die alten Weiberlein

Ich liebe die alten Weiberlein,

am Markttag, da stehn sie zum Warten bereit.

Diese uralten Mäntel mit verbogenen Schultern,

die frieren in jeder Jahreszeit.

Sie husten und wanken,

torkeln und fliehn,

halten sich wie kleine Inseln,

die im Dunkeln weiterziehn,

und die Augen dieser Adler

blicken dich ganz ruhig an,

und sie lächeln leicht verbittert,

starren deine Jugend an.


Sie sind fast wie ein Sommernachtstraum,

der verging, wie er kam,

verflog, wie man sah,

nur ein Blatt, das vermodert am Baum.


Und ich seh' sie in ihrer Vergangenheit

mit Lametta im Haar und Pumps an den Füßen,

seh' die blühenden Körper zu allem bereit,

im siebzehnten Jahr und in Schönheit zerfließen.

Und sie gurren und schmachten,

turteln sind kokett,

treiben mit berauschten Herzen

die Knaben in ihr Bett,

und die Augen dieser Rehe

blicken dich verlockend an,

sie lächeln kaum errötend,

preisen ihre Jugend an.


Sie sind fast wie ein Sommernachtstraum,

der verging, wie er kam,

verflog, wie man sah,

nur ein Blatt, das vermodert am Baum.


Und sie halten ihn fest, diesen Sommernachtstraum,

sie zweifeln nicht mehr,

sehn die Wolken ziehn,

erwarten den letzten Termin.

 

 

 

Gerda

Es ist Juli, Sommernächte fliegen ohne Hast,

verweilen kurz und schläfrig,

über Dächern und dem frisch gestochenen Torf.

Eine Meute kleiner Jungen

streift ein letztes Mal für diesen Tag

durch das abendlich

nach warmen Kühen duftende Dorf.

Dicke Mütter ziehn die Bengels zeternd

hinter schnell geschlossene Türen,

stoßen liebevoll den Kleinen zum Wassereimer hin,

das Lachen muß ihm wohl vergehn,

er sieht seinen Strullermann im Wasser stehn

und denkt an Gerda.

Durch die Stube drängt ein warmer Duft

von Großmutter und Schmalz und Wurst,

der Vater stinkt und lacht

und kneift die Frau.

Der Kleine läuft zum Vater hin,

ein Kuß mit Bier und Bart

und viel Gefühl,

die Mutter streicht ihm zärtlich durch das Haar.

Sie trägt ihn lachend in sein Bett,

sie küßt ihn, löscht das Licht

und schließt die Tür.

Er wartet, bleibt ganz still

und steht dann auf,

geht zum Fenster

und macht es auf,

sieht den Markplatz und die Nacht

und spürt den Wind

und sieht Gerda


Tanze, Gerda, tanze,

tanz die ganze Nacht,

brauchst sie nicht zu fürchten,

wir geben schon drauf acht,

daß nicht die Alten kommen,

tanze, Gerda, tanz.


Im Einhorn fängt die Nacht erst an,

da sitzen Melker neben manchen andern,

da steigt die Lotti, wenn sie voll ist, auf den Tisch,

da krachen Stühle,

wenn die Männer viel vom schweren Wein getrunken haben

und klatschen brüllend mit

wenn Lotti sich vergißt.

Da steht der Buckel auf

und sagt, ist Zeit,

die anderen gehen automatisch mit,

sie ziehen geschlossen Arm in Arm

nach draußen auf den Platz,

atmen gierig Wind und ihren Fusel ein

und die Lotti säuselt immer kräftig mit

und sehn auf Gerda.


Tanze, Gerda, tanze,

tanz die ganze Nacht,

brauchst sie nicht zu fürchten,

wir geben schon drauf acht,

daß nicht die Alten kommen,

tanze, Gerda, tanz.


Jetzt ist Nacht, erst richtig Nacht

und der Marktplatz tobt und kracht

und die Gören an den Fenstern brüllen mit.

Der Buckel sitzt auf einem Faß,

die Lotti hängt an seinem Arm

und beide starren auf die Mitte von dem Platz

wo der Sohn des Melkers tanzt,

in seinen Haaren krallt sich Gerda

und beide jagen aus der Menge jetzt heraus,

sie verschwinden im Dunkel der Nacht

und die Menge singt und lacht

und will wie Gerda.


Tanze, Gerda, tanze,

tanz die ganze Nacht,

brauchst sie nicht zu fürchten,

wir geben schon drauf acht,

daß nicht die Alten kommen,

tanze, Gerda, tanz.

 

 

 

Die 3 Musikanten

Er sagte, ich spiele Flöte,

der zweite, ich Fagott,

der dritte, ich Trompete,

und sie wollten ein Komplott,

und sie saßen bis zum Abend,

sie fragten, wie und wer,

und der Abend war sehr labend,

doch man hörte die Musik nicht mehr.


Nur der Alte in der Ecke

war recht still und sprach nicht oft,

wälzte sich aus seiner Decke,

rückte ran und sagte schroff,

ich spiel so gut wie nie,

ich spiel die Todesmelodie,

und er brachte still und stumm

die ganze Sippschaft um.


Bei dem Krach da flogen Teller,

und ein Tisch, der stürzte um,

und ein Weib kam aus dem Keller,

betrat den Raum und sah sich um,

und er nahm sie bei der Hand,

ging mit ihr durchs ganze Land,

und sie brachten große Not

mit dem Lied vom Tod.


Und als der Krieg vorbei war,

da waren sie alt und grau,

und weil kein Weib mehr da war,

da nahm er sie zur Frau.

Und sie würgte ihm drei Söhne,

die waren dick und dünn,

doch die hatten andere Töne,

nicht das Lied im Sinn.


Und der erste von den Söhnen

wollte Flöte spielen wie nie,

doch der zweite stand auf Tönen

aus 'ner Liebesmelodie.

Und sie saßen bis zum Abend,

und sie fragten wie und wer,

und der Abend war sehr labend,

doch man hörte die Musik nicht mehr.

 

 

Die Mutlosen

Wenn sie erwachen,

geht die Ehrlichkeit schlafen

in ihrem ersten Schrei

ist schon ein bißchen "Verzeihung" dabei,

als Rentner geboren mit zitternden Lippen,

stehen sie am Fenster und formen mit Schwung,

die Greise, die an Resten nippen

ihr liebstes Wort "Entschuldigung".

Nur einmal im Jahr

tragen sie fest in der Hand 

einen Koffer voll Sehnsucht bis Feuerland,

hocken auf Klippen bereit, alles zu wagen

und werden ihn wieder nach Hause tragen.

Die lassen sich von Ansicht zu Ansicht stoßen,

die Mutlosen.


Wenn sie erwachen,

geht die Ehrlichkeit schlafen,

sie schauen mit jedem gebrochenem Blick

einem Tag voller Zweifel ins Gesicht.

Feiste Männchen mit speckigen Mappen

buckeln sich auf den Arbeitsplatz.

Ihre Frauen haben den Haushalt zu machen,

die putzen sich krumm.

Und so wie sie Bauch an Bäuchen messen

haben sie ihre Meinung im Tiefschlaf zersessen.

Die würden so gern ihrem Chef in den Hintern springen

und werden mit ihm das Deutschlandlied singen.

Die würden für ein Gemetzel

ihre Söhne verstoßen.

Das sind die Mutlosen.


Wenn sie erwachen,

geht die Ehrlichkeit schlafen.

Sie gehen mit dem "Jetzt" im Schritt

ins Kindalter der Sauger zurück.

Hilflose Greise, gebrochen von Fragen,

träumen sie von der Vergangenheit.

lassen sich wie Kinder in Heime tragen

und sind wieder Kind.


Dann kurz vor zwölf

kommen Rufe nach Gott.

Sie zweifeln nochmal und sehen den Tod,

und lassen sich vom Himmel in die Hölle stoßen,

die Mutlosen,

die Mutlosen,

die Mutlosen.

 

 

Der kleine Junge

(Datin/Hoffmann u.a)


Heut´abend, mein Junge,

mein Kleiner, mein Kind.

Es regnet um uns,

mein Junge, mein Kind.

Du siehst aus, so wie sie,

wir bleiben hier allein,

komm, wir spielen 'Sag wie'

nur wir beide allein.


Sie kommt heute nicht,

oder doch, ich weiß nicht,

morgen schreibt sie vielleicht

einen Brief und es reicht.

Es regnet auf das Haus,

ich mach Feuer, mein Kleiner.

Ja, mein Kummer ist aus

und er läßt uns allein.


Doch, warte mal,

noch ein Märchen für Dich,

ja, es war da einmal

Regen auf Deinem Gesicht überall.

Du weinst mein Kind,

warte mal

noch ein Märchen für Dich.

Doch es ist schon zu spät, mein Kind,

für die Geschichte von den beiden,

von den beiden, die sich liebten.

Das war einmal.

Schlaf noch nicht ein,

laß mich nicht allein.


Ich kann nicht mal ein Feuer,

mein Kleiner, mein Kind.

Ich kann nicht mehr sehr vieles,

mein Junge, mein Kind.

Du siehst aus so wie sie.

Wir bleiben, wie wir sind.

Nur Du und ich , mein Kind

verloren wie noch nie.


Komm, jetzt spielen wir Krieg,

und danach schläfst Du ein.

Nein, sie kommt heute nicht,

vielleicht morgen, mag sein.

Der Winter schleicht sich ein.

Es gibt kein Feuer mehr,

nichts zu tun, gar nichts mehr,

für uns beide, mein Kind.


Doch, warte mal

noch ein Märchen für Dich.

Ja, es war da einmal

Regen auf Deinem Gesicht überall.

Du weinst mein Kind,

warte mal,

noch ein Märchen für Dich.

Doch es ist schon zu spät, mein Kind

für die Geschichte von den beiden,

von den beiden, die sich liebten,

und spielten Krieg.

Sie kommt heut nicht,

nein, weine nicht,

nein, weine nicht.

 

 

Das alte Lied

Weißt du noch,

vor riesigen Eiche am Nordrand des Dorfes,

in der Aue von Hubert, dem Mörder des Ortes,

wenn die Kinder kamen,

uns Nesseln auf Rücken und Bäuche warfen.

Weißt Du noch, weißt Du noch, weißt du noch.


Wenn wir auf alles, was die Welt uns bot, nicht fluchten,

wir liebten uns dort,

wenn dein Arm mich führte

durch dein Haar, durch die Nacht,

wenn ich den siebenten Himmel

im Mais wieder suchte,

dann rochen wir dort

die Nesseln, das Feld

wie die Kinder vom Ort

und mein Herz blieb stehn

für Sekunden stehn, Sekunden stehn, Sekunden stehn.


Weißt du noch,

vor dem alten Tor an der Scheune,

als der Bauer das Kauen vergaß,

und du fragtest nach Betten, nach Stroh oder Wein,

und dann krachte es im Heu,

weißt du noch, weißt du noch.

Wenn ich morgens die Tränen nicht halten wollte,

weil ich dachte an Stadt und an Job und an Geld.

Als die reiche Alte mich holen wollte

mit Auto und Schmuck,

dem Preis für die Welt,

und dann nahmst du mich

wie ein Kind vom Ort

und mein Herz blieb stehn

für Sekunden stehn.


Weißt du noch,

als wir die Alten anpumpten,

als der Förster uns Geld für die Fahrkarte gab,

als dem Kind, das Geld von uns haben wollte,

Wasser und Rotz aus den Augen rann,

und dann hielt der Zug,

weißt du noch, weißt du noch.


Als ich lässig aufs Trittbrett der Alpträume sprang,

und mein Lächeln nach 13 Stationen verschwand,

als den Mist ich aus Haaren und Kleidern schob,

und ich kämmte das alte Lied ins Gesicht,

und ich dachte an dich,

und mein Herz blieb stehn,

für Sekunden stehn, Sekunden stehn, Sekunden stehn.


Ist nur das alte Lied,

nur das alte Lied.

Werd bloß nicht schwach, Klaus,

leg dich nicht müd zur Ruh,

lauf aus der Nacht, Klaus,

sie halten dir die Sinne zu

und wolln ja nur das alte Lied,

das du noch tattrig singen wirst,

wenn als gebrochener Biskuit

du zu den faulen Plätzchen irrst


Nein, mach sie wach, Klaus,

stör sie in ihrer Ruh,

lauf in die Nacht, Klaus,

und hören sie dir ruhig zu,

dann sing nochmal das alte Lied

und zeige wie es klingen soll.

dann wirds bestimmt zum neuen Lied

für alle klar und einsichtsvoll.

 

 

Sarah

Wenn eines Tags der Regen brennt,

und der Schnee die Sonne schwemmt,

dann hörst du wie der Stumme spricht,

wenn der Blinde sieht,

und der Lahme flieht,

dann stehst du vor dem Gericht,

und dann mein Täubchen wirst du sehen,

daß alles so begann,

wie der Heilige Alte gab es zu verstehen,

deine Liebe zu einem Mann.


Sarah, Gott verzeih dir deine Schönheit

Sarah, mir scheint es wie Verlogenheit

Sarah, entlock dir ein paar Tränen,

die nach ehrlichem Weinen sich ersehnen.

Wenn der Soldat sich erschlägt

und die Kirche Feuer legt,

dann siehst du wie die Blume träumt,

wenn ein Krüppel dich betört

und der Taube dich erhört,

dann siehst du wie ein Falter weint,

und dann mein Engel nimm den Klunker,

kauf dir ein neues Herz,

leg es ein in deinen menschlichen Bunker

und warte auf den schleichenden Schmerz


Sarah, wo bleibt die goldenen Larve

Sarah, wo bleibt dein Teufel mit der Harfe

Sarah, ich schnitz dir einen Pferdefuß

damit du nicht mehr laufen mußt


Wenn ein Irrer dich anlacht

und dein Pulsschlag Pause macht,

dann merkst du wie die Jugend schnell verfliegt,

wenn ein Pfaff die Augen rollt,

und ein Kind im Käfig tollt,

dann siehst du, daß das Glück auch lügt,

dann endlich siehst du dich im Spiegel

deiner einfallsreichen Welt,

die dir nur einen goldenen Riegel

vor deine Seele stellt.


Sarah, dann stehst du vor den Toren

Sarah, die mit offenen Ohren

Sarah, dich vom hohen Roß entheben

Sarah, dann wirst du leben

 

 

Puppen

Ich wollte deinen Namen wissen,

wollte hören, wie du heißt.

Du sagst, sie hätten ihn dir weggerissen,

und daß du ihn schon lange nicht mehr weißt.

Weil aus deinem Mund nur Zahlen kamen,

auf deiner Zunge Ziffern lagen,

seh' ich, daß du längst gebrochen bist,

daß dein Name eine Nummer ist.


Und schmeichelnd nahmst du meine Hand,

ich sollte in dir träumen

von Honigblumen, Tüll und Samt,

du wolltest nichts versäumen.

Weil so viel kluge Sprüche kamen,

die alle gar nicht deine eignen waren,

seh' ich, daß du längst gebrochen bist,

daß dein Herz sogar aus Gummi ist.


Und jauchzend holte ich dir Tag und Nacht

vom siebenten Himmel die Liebe,

ich hatte sie für dich zurechtgemacht,

doch sie schien dir hier am Boden zu trübe.

Weil du noch immer mit den Wölfen heulst,

dich nicht von deinen tausend Fäden befreist,

seh' ich , daß du längst gebrochen bist,

daß du nur noch eine Puppe bist.

Seh' ich , daß du längst gebrochen bist,

daß du nur noch eine Puppe bist.

 

 

Ballade von den Seeräubern

(Brecht)

Von Branntwein toll und Finsternissen

Von unerhörten Güssen naß 

Vom Frost eisweißer Nacht zerrissen

Im Mastkorb, von Gesichtern blaß 

Von Sonne nackt gebrannt und krank

Die hatten sie im Winter lieb 

Aus Hunger, Fieber und Gestank 

Sang alles, was noch übrigblieb


0h Himmel, strahlender Azur 

Enormer Wind, die Segel bläh 

Laßt Wind und Himmel fahren nur 

Laßt uns um Sankt Marie die See 


Kein Weizenfeld mit milden Winden 

Selbst keine Schenke mit Musik 

Kein Tanz mit Weibern und Absinthen 

Kein Kartenspiel hielt sie zurück 

Sie hatten vor dem Knall das Zanken 

Vor Mitternacht die Weiber satt

Sie lieben nur verfaulte Planken 

Ihr Schiff, das keine Heimat hat


0h Himmel, strahlender Azur

Mit seinen Ratten, seinen Löchern 

Mit seiner Pest, mit Haut und Haar 

Sie fluchten wüst darauf beim Bechern 

Und liebten es, so wie es war 

Sie knoten sich mit ihren Haaren 

Im Sturm in seinem Mastwerk fest 

Sie würden nur zum Himmel fahren 

Wenn man dort Schiffe fahren läßt


0h Himmel, strahlender Azur

Enormer Wind, die Segel bläh 

Laßt Wind und Himmel fahren nur 

Laßt uns um Sankt Marie die See 

Sie morden kalt und ohne Hassen 

Was ihnen in die Zähne springt 

Sie würgen Gurgeln so gelassen 

Wie man ein Tau ins Mastwerk schlingt 

Sie trinken Sprit bei Leichenwachen 

Nachts torkeln trunken sie in See 

Und die, die übrigbleiben, lachen 

Und winken mit der kleinen Zeh


0h Himmel, strahlender Azur 

Sie tragen ihren Bauch zum Fressen 

Auf fremde Schiffe wie nach Haus 

Und strecken selig im Vergessen 

Ihn auf die fremden Frauen aus 

Sie leben schön wie noble Tiere 

Im weichen Wind, im trunknen Blau

Und oft besteigen sieben Stiere 

Eine geraubte fremde Frau


0h Himmel, strahlender Azur 

Enormer Wind, die Segel bläh 

Laßt Wind und Himmel fahren nur 

Laßt uns um Sankt Marie die See 


Doch eines Abends im Aprile 

Der keine Sterne für sie hat 

Hat sie das Meer in aller Stille 

Auf einmal plötzlich selber satt 

Sie merken noch, wie voll Erbarmen 

Der Wind mit ihnen heute wacht 

Dann nimmt das Meer sie in die Arme 

Und tötet sie vor Mitternacht


0h Himmel, strahlender Azur 

Enormer Wind, die Segel bläh

Laßt Wind und Himmel fahren nur 

Laßt uns um Sankt Marie die See 


Noch einmal schmeißt die letzte Welle 

Zum Himmel das verfluchte Schiff 

Und da, in ihrer letzten Helle 

Erkennen sie das große Riff 

Und ganz zuletzt in höchsten Masten 

War es, weil Sturm so gar laut schrie 

Als ob sie, die zur Hölle rasten 

Noch einmal sangen, laut wie nie 


0h Himmel, strahlender Azur 

Enormer Wind, die Segel bläh 

Laßt Wind und Himmel fahren nur 

Laßt uns um Sankt Marie die See

 

 

Blinde Katharina

Sie trägt auf ihrem Kleide

Phosphorfarben für die Nacht,

für sie ist immer Schweigen,

ob sie redet oder lacht.

Ihre Augen sind die Hände,

sie erkennt dich durchs Gehör,

in ihrer Welt sind viele Wände,

die sieht sie bloß nicht mehr.


Katharina mach mir Mut und halte mich,

gibt's morgen auch kein Wiedersehen,

ich bin doch der Blinde darum führe mich,

du kannst im Dunkeln gehn.

Nur weil ich vermute, daß ich sehend bin,

brauch' ich doch nichts erkennen.

Komm wir schmeißen einfach alle Regeln hin,

du zeigst mir, wie man sieht.


Sie lehrt mich aus der Stille,

wie man wartet, wie man schweigt,

und zeigt aus Herzensfülle,

mal Zorn, mal Heiterkeit.

Wenn sie liebt, dann ist nur Liebe,

wenn sie haßt, dann ist nur Haß,

alles, was sie tut, ist jetzt sofort

mit unbegrenztem Spaß.


Katharina mach mir Mut und halte mich,

gibt's morgen auch kein Wiedersehen,

ich bin doch der Blinde darum führe mich,

du kannst im Dunkeln gehn.

Nur weil ich vermute, daß ich sehend bin,

brauch' ich doch nichts erkennen.

Komm wir schmeißen einfach alle Regeln hin,

du zeigst mir, wie man sieht.


Blinde sind wie Kinder,

deren Herzen man zerbricht,

sie wollen auch im Winter

nur ans Licht, nur ans Licht.


Katharina mach mir Mut und halte mich,

gibt's morgen auch kein Wiedersehen,

ich bin doch der Blinde darum führe mich,

du kannst im Dunkeln gehn.

Nur weil ich vermute, daß ich sehend bin,

brauch' ich doch nichts erkennen.

Komm wir schmeißen einfach alle Regeln hin,

du zeigst mir, wie man sieht.

 

 

 

Ein neuer Anfang

Wieder eine Nacht,

wieder eine Nacht,

die wir in einer Kneipe zugebracht.

Wir starrten auf die Tür,

erwarteten den großen Zufall,

der uns Beine macht.

Und am frühen Morgen

macht einer den Anfang und er geht,

und so stehen wir da und frieren,

und die Stadt, die gähnt uns an,

doch wir wolln noch nicht alleine sein,

schließen uns den andern an.


Neuer Morgen,

wieder neuer Morgen,

wo wir mutlos zwischen Stühlen stehn,

wissen nicht warum

wissen nicht warum wir ändern müssen und für wen,

und wir sehn unsern Nachbarn zur Frühschicht gehen,

und wir sehn die Gesichter,

plötzlich glimmt es auf,

und einer spricht, was alle denken, aus.


Das wird ein Tag,

unser Tag wird ein neuer Anfang sein,

an dem wir nicht mehr wanken,

in unserm Urteil schwanken,

wo wir mit denen, die nach vorne schaun,

uns eine bessre Zukunft baun.


Wieder eine Nacht,

wieder eine Nacht,

die wir mit reden zugebracht,

wir haben festgestellt,

haben festgestellt, daß nur die Tat uns Beine macht,

und wir merken jeder Tag ist Arbeit und wir sehen ein,

jeder Schritt zurück muß neuer Anfang sein,

wir sind doch viel zu viele um allein zu sein.


Das wird ein Tag,

unser Tag wird ein neuer Anfang sein,

an dem wir nicht mehr wanken,

in unserm Urteil schwanken,

wo wir mit denen, die nach vorne schaun,

uns eine bessre Zukunft baun.

 

 

Markttag

Wenn die Gören schon um achte

an der Bockwurschtbude sitzen,

sich den Ketchup um die Ohren haun,

die Wurst fängt an zu schwitzen.

Wenn Old Emmes uff'n Aalstand

seinen Knorpel nochmal ölt,

mit dem Daumennagel eenem Aal

die Haut vom Fette schält,

und ick klemm'ma meene Klemmen ab,

vom Fahrrad steig' ick grob,

kloppe mir den Staub vom Scheitel,

drängle mich zum Essigseidel,

fische mir 'ne Jurke aus'm Topp.


Ick hab' Markttag, Fischtag, Blumenkohlzeit,

da hock' ick mich breit,

der Kohlrabi weeß Bescheid,

die Büchse mit Ravioli, die bleibt zu,

ick hab' Markttag, der Markt tagt,

frisches Eiweiß durch Fisch sagt mir zu.


Und ick dräng' mir voller Zuversicht

von eenem Stand zum andern,

doch plötzlich wird mir taumelig,

die Sinne, die wolln mir wandern.

Ick glob' meen Hamster pfeift mir Zoten,

augenblicklich seh' ick klar,

'ne Jurkenband spielt Rock nach Noten,

Pampelmusen tanzen Cha-Cha-Cha.

Und ick setz' mir erstmal, trink'n Schlückchen

Selter auf den Schreck,

wische mir die Augen blank,

stell' det Fahrrad an die Wand,

doch plötzlich ist die ganze Chose weg.


Ick hab' Markttag, Fischtag, Blumenkohlzeit,

da hock' ick mich breit,

der Kohlrabi weeß Bescheid,

die Büchse mit Ravioli, die bleibt zu,

ick hab' Markttag, der Markt tagt,

frisches Eiweiß durch Fisch sagt mir zu.


Doch ich find' och ohne Brille

den Gemüsevorratsstand,

und ick seh' die kleene Dicke hinterm Grünkohl friern,

da geh' ick ihr'n bißchen zur Hand.

Und weil ick ihr so imponiere,

behängt se mich mit Koppsalat,

krieg' ne rote Birne, schenkt se mir,

ick lass' dann von ihr ab.

Und ick klemm'ma meene Klemmen an,

uff's Fahrrad steig' ick grob,

zwäng' ma durch die Menschenmassen,

die nach weißen Eiern fassen,

setz' ma meene Mütze uff'n Kopp.


Ick hatte Markttag, Fischtag, Blumenkohlzeit,

da hock' ick mich breit,

der Kohlrabi weeß Bescheid,

die Büchse mit Ravioli, die bleibt zu,

ick hab' Markttag, der Markt tagt,

frisches Eiweiß durch Fisch,

Liter Milch uffm Tisch,

und Tomaten, Mixed Pickles,

mit Käse umwickelt,

denn alles sagt mir ungeheuer zu.

 

 

So trollen wir uns

(Bellmann)

So trolln wir uns ganz fromm und sacht 

vom Weingelag und Freudenschmaus, 

wenn uns der Tod ruft: Gute Nacht, 

dein Stundenglas rinnt aus.

Wer heut noch frech den Schnabel wetzt 

und glaubt ein großer Herr zu sein: 

Paß auf, der Schreiner hobelt jetzt 

schon grad an deinem Schrein! 

Doch scheint das Grab dir tief und dumpf sein Druck 

a la vot, so nimm noch einen Schluck 

und noch einen hinterher, und noch zweie, dreie mehr 

dann stirbst du nicht so schwer.

Wer nach des andern Liebster schielt

und hält sich noch als Nobelmann

paß auf, dem Spielmann, der dir spielt,

springst du ins Grab voran

Und du der blind vor Eifersucht

zerschmiß einst jedes Glas im Saal

wenn dich der Tod im Bett besucht

lang lebe dein Rival

Scheint das Grab dir tief und dumpf sein Druck

a la vot, so nimm noch einen Schluck

undnoch einen gleich dabei und noch zwei und manchmal drei 

dann stirbst Du sorgenfrei

Doch was hilfts wenn du vor Wut ausspuckst

der Tod ist keiner Münze feil

bei jedem Schlückchen, das du schluckst,

schluckt schon der Wurm sein Teil

Ob nied´res Pack, ob hoher Herr,

am Ende sind wir Brüder doch

dann leuchtet uns der Abendstern

ins gleiche finstre Loch

Scheint das Grab dir tief und drumfs sein Druck

a la vot, so nimm noch einen Schluck

und noch einen hinterher und noch zweie, dreie mehr

dann stirbst du nicht so schwer