WAS FANG' ICH AN IN DIESER STADT ( 1978 )

01. Was fang' ich an in dieser Stadt  02. Kreuzberger Walzer  03. Der Boxer  04. Nein
05. Estaminet  06. Brett vorm Kopp  07. Novembermorgen  08. Stille  
09. Die Mittelmäßigkeit  10. Hanna  11. Berlin

 

 

 

Was fang ich an in dieser Stadt?

Was fang ich an in dieser Stadt,

die mich zur Angst erzogen hat,

die für die Fragen blasser Kinder

nur einen Maulkorb übrig hat

und ihnen lehrt, selbst ihre Alten,

die noch so viel erzählen wolln,

zu übersehn.


Was fang ich an in dieser Stadt,

die soviel Fortschritt nötig hat,

doch wie ein zahnloses Weib

über alles Neue lacht,

die für Touristen Masken trägt,

wenn ihre Nacht den Dreck verpackt,

was fang ich an?

Was hält mich noch in dieser kalten,

rostig, fett, schon fast verfaulten

Bärenstadt.


Sie scheint mir wie ein alter Bär,

kraftlos und tapsig fällts ihm schwer

in diesem Käfig stark zu sein,

er schnauft schon, schlingt den Atem ein,

doch dieser Bär macht noch nicht schlapp,

er hält sich fest an den Vertrag, zeigt Disziplin,

vier dicke junge Männer schieben, zerren, sie pflegen,

stutzen ihn.


Was fang ich an in dieser Stadt,

wofür gebrauche ich meine Kraft,

was fang ich an in dieser Stadt,

ich bin so hungrig und ich fühle mich so satt.


Wie lange hält man dieses Kaff

mit Antibiotika noch wach,

wie lange wirds noch dauern,

bis sie wieder neue Trümmern bauen,

wann endlich geben sie aus lahmen Überdruß

der Stadt den letzten harten Bruderkuß,

den sie so nötig hat.


Drei Mark fünfzig für ´ne Stadt,

die man so oft geliftet hat,

der man nur noch nicht aus Denkmalschutz

den Todesstoß verpaßt.

Komm, wer will ´n angestaubtes, muffig

und schon halbverfaultes,

stacheldrahtumzäuntes Panoptikum zum Kauf.


Hier herrscht Gleichgültigkeit,

der Haß und der Neid,

der Zaster und das Leid,

die Einsamkeit,

die Heuchelei, die Lüge

Entfremdung und die Not

lassen dich wählen zwischen

Angst und Betrug.








Kreuzberger Walzer

Wenn det Gebimmel Evangelen und Katholen

zum heilgen Umtrunk holt,

sonntags,

da mach ick ma auf,

leicht geschminkt vom Kohlenholen

trab ick nach Kreuzberg.


An der Mauer blühen schon Veilchen,

und die Grenzer tragen Grün.

Wir lieben uns im Stehn ein Weilchen

und sehn ´ne blasse Taube in den Osten fliehen.

Du nimmst meine Hand im Gehen,

wir küssen uns von Herz zu Herz.

Wir bleiben jetzt öfter stehen

und spürn ´ne Musik unsre Körper durchziehn,

die läßt uns wohlergehn.


Das ist der Kreuzberger Walzer,

der haut dir den Schmalz aus´n Ohren,

der läßt dich erzittern abends um acht,

und morgens beginnt er von vorn.

Und wie zwee kleene Speckbuletten sind

wir schon beede fett vor Glück,

zerfetzen wir den Tangoschritt

und nehmen einen Walzer mit

und steigen zum Mont Kaputt,

gebaut auf Städteschutt,

und zeigen dieser Stadt den Arsch.

Der Walzer wird bestimmt kein Marsch,

und wie zwee griffige Akkordeons

plärren wir dein und mein Chanson

und sind jetzt eins geworden.


Zwischen Checkpoint Charly und Bernauer

spiel ick sonntags Tennis an der Mauer.

Mit der Linken üb ick Rückhand,

so hau ick den Ball über den Wall

ins andere Land.

Det ist jetzt ´n Volkssport geworden,

det Mauercuptennismatch,

am Sonntag da stehen die Horden

und haben Kontakt auch ohne Vertrag

von Ost nach West.


Das nennt man den Kreuzberger Walzer

das Mauercuptennismatch,

das spielt man am Sonntag von West nach Ost

und och von Ost nach West.

Und wie zwee kleene Speckbuletten sind

wir schon beede fett vor Glück.






Der Boxer

Rechts ein Stein und ein Baum,

links ein Weg, der dich führt.

Du spürst harten Kies, siehst drei junge Türken stehn,

die fischen in der Spree,

rechts ein Stein und ein Baum,

es ist Sommer im Park.

Da sitzen sie bei Picknick und Tschai.

Alte und Kinder, die schreien sich frei,

und die Zeit schlägt im Takt ihre Kräfte entzwei,

davon bleibt was, davon bleibt was.


Das geht mich immer noch an,

was gewesen ist, greift mich und zieht mich in Bann,

das trag ich auch in Nächten mit,

das hält auch in Träumen Schritt,

das hab ich gehaßt und auch gesucht,

hab so ´ne Sehnsucht.


Da ist Gewalt und die hat Macht,

da ist die Lüge Gebot,

da brauchst du ein Herz aus Beton.

Da findest du die Kinder auf jedem Hof,

die üben den Alltag der Stadt,

an jeder Wand ein Boxer steht,

der Junge macht sich stark,

er hat seine Fäuste zum Himmel gestreckt,

denn er weiß, wer nicht kämpft, der ist bald verreckt,

und er übt für den Tag, wo er alles bezahlt,

wo er rauskommt, ganz groß rauskommt.


Da steht ein Haus, ´ne Couch,

da hängt ein See an der Wand,

da riechts nach Schnaps und Likör.

Sie essen und essen und prosten sich an,

die trinken Schluck für Schluck Gleichgültigkeit,

da ist viel Einsamkeit.

Und der Boxer sitzt da, er hockt mittendrinn,

hält verkrampft seine Tasse, er starrt so vor sich hin,

und er träumt von ´nem Land,

von ´nem Land ohne Geld,

träumt von Cuba, vielleicht Cuba.






Nein

Wenn nach Gesang und Bier

sich so ´ne Stimmung einschleicht,

´n Typ mir seine Hände reicht

und stöhnt dabei vor Mitgefühl,

denk ich - nein.


Und er klopft mir anerkennend auf den Hals,

er meint sich selbst oder andernfalls

sein gutes Herz,

und er grunzt vor Schmerz - nein.

Und er kommt dann auf den Trip zu reden,

und er redet, redet über jeden,

es müßte was getan werden und so fort

und zwar nur hier und zwar sofort.

Er redet von Veränderung,

das bringt ihn richtig mal auf Schwung,

und er fragt mich nach der Meinung,

dann sag ich ja,

hm, ich sag - ja!


Doch ich sag nein zu dem, der alles gut versteht

und sich nach jedem Winde dreht,

der seine Regeln pflegt wie einen Heiligenschein -

nein.

Der gegen Totschlag auf die Straße geht

und abends seine Frauen schlägt

und friert in seinen Lügen ein-nein.

Ich laß´nen Riesenfurz auf die Laberkommission,

deren Krampf und Lügen schleppen wir seit Jahren mit uns rum.

Die mit offnen Augen pennen, schwatzen,

jeden Fortschritt hemmen

und kriechen in jeden Arsch hinein,

für die ein Nein.


Doch ich sag ja zu allem, was nur Freude macht,

was sich dreht und was nicht nachgedacht.

Ich steh zur großen Unvernunft,

ein breites Lachen muß ich tragen.

Sag ja zum Narren, der sehr gut versteht,

daß sich alles um die Ordnung dreht.

Sag ja zu dem, der nicht jeden Dreck

gekastelt hat und abgesteckt.

Mutter, wer hat mich denn nur gelehrt,

mit diesem Ja und Amen zu leben.


Wenn beim Bäcker morgens

schon ein Schwatz entsteht,

voll Verlogenheit bis in die Nacht reingeht,

Gesichter friern ihr Lächeln ein,

denk ich uahh....

Die verheimlichen aus Tradition

ihre Meinung schon seit der Steinzeit schon

gehen sie jedem Dicken nach,

mir wird uahh....

Diese Hirnies motzen über jedes längre Haar,

bloß ihr eignes in der Suppe

pflegen sie schon tausend Jahr´.

Seht doch diese Massen von Armeen,

die sich noch immer öffentlich begraben.








Estaminet
(Stadt ohne Sonne)


Die Nacht verschenkt ihr graues Band

zu früh ersteigt die Silberwand,

wenn kühl der Morgen aufgewacht,

noch ist sie still, die Stadt.

Nur in der Gosse regt sich schon

ein kleiner mieser Kammerton,

´ne halbwegs weiße Taube singt

von ´nem besseren Land.

Und auf dem breiten Boulevard,

wo gestern noch Gelächter war,

sind alle Stühle hochgeklappt,

ja, sie ist still, die Stadt,

Und durch den Nebel, der zerbricht,

siehst du ganz fern das Licht,

Gesichter Staub am Horizont,

die Karawane kommt.


Estaminet, Estaminet,

alte Kneipe, tuts auch weh,

ich werde gehn,

werde gehn.


Die Stadt macht ihre Fenster auf,

hängt großkarierte Bettten raus.

Nach einer heißen lauen Nacht

ist sie jetzt aufgewacht.

Und dort im Hausflur steht versteckt

der Junge, wartet auf den Treck,

denn alles, was hier dampft und kriecht,

das hält ihn nicht.

Er steht und friert und starrt gebannt,

hält sein Gepäck fest in der Hand,

er hat sie oft im Traum gesehn,

wie sie nach Süden ziehn.

Und mit Gesang und Schellenklang,

hört er sie aus der Vorstadt nahn,

ein Mädchen führt die Vielen an -

die Karawane kommt.


Junge, nimm dein letztes Geld

und schmeiß dich in die große Welt,

soviel gibts, was du lernen mußt,

im Überfluß.

Schnür dir dein Bündel ruhig gut,

laß dir´s nicht nehmen, du brauchst Mut

für diesen Trip aus eigner Hand

ins fremde Land.

Und sie reden von Angst und Flucht,

die haben niemals was gesucht,

was sie so traurig stimmt

ist, daß sie so mutlos sind.

Und lerne viel im anderen Land,

komm zurück, geh uns zur Hand,

hier gibts noch viel, so viel zu tun.








Brett vorm Kopp

Ick hab Berlin in mein' Herz, weil ick Berliner bin. 

Ick hab die Taschen voll mit Icke-lieb-die-Dicken. 

Ick klau mir abends, wenn der Schnaps mir uff der Birne liegt

'n Stückchen Mauer für mein Zahn und seine Lücke. 

Mit dem Gebiß, wat ick so passend im Gesichte trag, 

nag ick ma bis zum Herzen dieser Städter hin. 

Ick vergeß dabei och nich, daß ick 'n kleener Scheißer bin, 

denn dieses Brett vorm Kopp det macht mich noch nicht blind.


Ick lös die Knoten meener Kumpels 

morgens an der Autobahn, 

wenn sie mal bis nach Alaska wolln, 

weil se keene Luft mehr kriegn. 

Die haben sich total verfahrn, 

haben ewig Stunk mir ihren tollen Ollen.

Diese ganze Meute Mauerpsychopaten tragen flott 

'n stacheldrahtbesetztet Brett durch ihre Stadt. 

Und ick leg ma uffn Rücken, 

glotz mir die Augen ausm Kopp. 

Ick freu ma, daß ick noch meinen Himmel hab.


Und komm ick abends aus der Kneipe, 

tret ick gleich in wat hinein, 

doch det stinkt ma nich, ich mach damit mein Geld, 

denn ick gieß den Hundedreck in kleene Plastikwürfel ein, 

aber nur, wenn mir die Scheiße och gefällt. 

Det verkof ick an Besucher als Touristenattraktion, 

setz det ganze noch als Städtewerbung ab,

jetzt hat so mancher an sein Bett 'n kleenen Plastikwürfel stehn, 

denn diese Stadt darf nich in Scheiße untergehn.


Wir ham 'ne Werkstatt uffm Hof eröffnet, 

weil sich det rentiert, sogar die UNO fragte uns schon mal um Rat. 

'n Riesenwürfel solln wa bauen 

für 'ne Friedenskonferenz, 

so richtig massig, zwanzig Meter im Quadrat, 

der soll sich uffm Sockel drehen mitten in New York, 

wird abends angestrahlt 

und och noch streng bewacht. 

Bloß den Schiß aller Nationen sollt er zeigen, 

det war zu stark, 

da ham wa nee gesagt, det ham wa nicht gemacht.


Ick hab Berlin in mein Herz, weil ick Berliner bin,

und geb ick morgen meenen Löffel ab, wat solls. 

Ick hab genug Respekt vorm Tod, 

nur überraschen soll er mir, 

denn so mit langsam siechen, 

det fänd ich nich so toll.

Mal sehen, vielleicht trifft mich 'n Blitz beim Scheißen, 

weil ick oft so gröl und 'n Heilger

fühlt im Tiefschlaf sich gestört. 

Wenn det passiert, 

soll folgendet auf meinem Grabstein stehn, 

wenn det passiert, soll folgendet auf meinem Plastikwürfel stehn:

sein letzter Ton war dieser Stadt nicht angenehm.








Novembermorgen

Novembermorgen hat verschlafen,

Novembermorgen lacht nicht mehr, 

Novembermorgen kennt nur Härte, 

Novembermorgen träumt so schwer. 

Der Baum gibt seine Blätter gleichmütig fort, 

und der Absinth bringt mir Gesichter, 

ich leb an einem anderen Ort.


Mmh - du bist mein Lot.

Mmh - kenn keine Not.


Novembermorgen hat Gesichter 

wie ein Clown im Zirkuszelt, 

Novembermorgen will nur spielen, 

Spielball sein in dieser Welt. 

Er trägt soviele Masken, 

täusch dich nicht in dem Gesicht, 

bin ein Novembermorgen, 

zeig mir deinen Rücken nicht.


Novembermorgen hat geschlafen, 

Novembermorgen fühlt sich stark, 

Novembermorgen zeigt die Zähne, 

weil er die Liebe hat.

Ich hab noch so viele Fragen, 

leg mich noch nicht aufs Ohr, 

hol mir die Kraft aus Sonnentagen 

und lebe im November davon.


Auch wenn du nicht mehr bei mir bist, 

wenn du schon mit andern lebst, 

du bleibst in mir, mein Leben, 

bleibst mein Lieb, 

mein Leid, 

mein Leben.








Stille


Da war 'ne Stille tief in mir und nur bei mir, 

die war so still, so schweigend weit und leicht, 

die war bei mir und nur bei mir, 

die lag so zwischen Werden und Vergehn. 

Da war ein Augenblick der Ruh, 'ne kurze Rast, 

ein kleines Ich, ein Lächeln und doch tief, 

fast wie ein Meer so blau, so blau, 

so weit und dicht war sie an diesem Tag.


Auch wenn du hier wärst, 

wenn dein Schatten meiner wär, 

auch wenn du noch so gut 

meine Worte momentan erfährst, 

wenn selbst dein Atem meiner wär 

auch wenn du hier wärst, 

ich könnte diesen Augenblick nicht teiln.


Da war ein Schweigen ohne Zeit und ohne Raum, 

ein Herzschlag kurz, 

nicht schlecht und auch nicht gut, da war nichts,

kein Glück, kein Unglück, 

es war geschehen ohne ich und du.


Da war ein dicker regenloser Sonnentag, 

da fragt ich nicht, 

ob morgen wird, was gestern war, da war... 

ein Ton ist schon zuviel für diesen Tag.








Die Mittelmäßigkeit

Jeden Morgen das gleiche Ritual.

Jeden Morgen ein Gesicht in gleicher Qual.

Jeden Morgen dieses Fügen

vor dem Spiegel und im Bus.

Jeden Morgen die Fragen,

ob ich will und ob ich muß.


Jeden Tag im Mantel gleiche Haltung.

Jeden Tag meine Meinung aus der Zeitung.

Jeden Tag das Wissen um Veränderung.

Jeden Tag in mir die gleiche Lähmung.


Jede Nacht im Bett den gleichen Vorwurf.

Jede Nacht den gleichen Traum

von Angst und Flucht.

Jede Nacht mit offnen Augen alles sehn.

Jede Nacht zu warten, daß die Ängste gehn.


Jeden Augenblick in eine Lüge quäln,

muß dich betrügen, um nicht durchzudrehn.

Wieder mal wissen, du bist ausgekniffen,

hast dich nicht gestellt, hast dich selber verpfiffen.


Die Mittelmäßigkeit

verhindert jeden Streit.


Seh sie oft mit Blättern an den Ecken stehn,

manche jünger noch als ich, wag nicht hinzugehn.

Will vorüber tauchen, merk ´ne Ablehnung in mir,

ohne sie gehört zu haben, ist die Angst in mir.


Bisher hab ich mich noch nie geäußert über Politik,

wollte nie beteiligt sein, zog mit jedem mit.

Doch sie sagen, mein Schweigen

bringt viel Schlimmes ein.

Es verhilft, daß andere noch viel lauter schrein.


Soll ich in der Mitte stehn?

Soll ich keine Fragen stelln?

Soll ich denn im Rahmen bleiben,

jeden Streit vermeiden?


Geh ich allem aus dem Weg,

noch eh der Kampf beginnt,

haben andre schon,

was ich denken soll, bestimmt.


Die Mittelmäßigkeit

verhindert jeden Streit.








Hanna


Am Busbahnhof vorbei, in der Bonhöferallee, 

hinter Mauern, wo die Irren sind, 

in diesen Häusern lebt sie Tag für Tag 

als schweigend altes Kind.

Sie trägt eine Krone aus Papier, 

ihren Bademantel schleppt sie nach, 

die andern haben sie so ausstaffiert, 

zur Königin gemacht.


Hanna, Königin der Staunenden, 

du lebst in deinem Innern, 

hängst deinen Träumen nach. 

Hanna, die haben dich dort abgestellt, 

du träumst in deiner eignen Welt, 

doch lebensfähig bist du nicht.


Sie hatte Mescalin geschluckt, 

war einmal völlig durchgedreht, 

da wurde sie dort eingelocht, 

und für verrückt erklärt. 

Jetzt hockt sie da als Irre 

und weiß überhaupt nichts mehr, 

sie hatte keine eignen Werte mehr. 

Trittst du einmal aus der Reihe aus, 

willst nicht weiter, bist verwirrt, 

schlägt deine Umwelt zu, 

die sauber ist und niemals irrt, 

denn aus der Reihe treten, Fragen stellen, 

heißt allein, unbequem zu sein.








Berlin

Mein Gespräch, meine Lieder,

mein Haß und mein Glück,

mein Tag, meine Nacht, mein Vor, mein Zurück,

meine Sonne und Schatten, Zweifel, die ich hab,

an dir und in mir bis zum letzten Tag.

Deine Straßen, wo ich fliehe, stolper und fall,

deine Wärme, die ich brauch, die ich spüre überall.


Verkauf dich nicht,

Berlin,

jung bist du nicht,

du alterst so schnell,

buckelst zu sehr,

trägst an den Geldern der Freier so schwer.

Die werden gehn,

dich sterben sehn,

Berlin,

Geliebte Berlin.


Deine Ecken und Winkel, deine Höfe ungezählt,

wo der Dreck und die Armut nach Veränderung bellt,

dein Rausch am Morgen

riecht nach Haschisch und Bier,

und Rotz fällt gelassen auf Gassen von dir.

Deine Märkte, die Weiber, ihre Ruhe, ihre List

und manchmal ein Witz, der mich in den Magen trifft.


Deine Häuser mit Fluren,

wo man prügelt, wo man lacht,

wo man, wenns dunkel wird,

neue Mitbewohner macht.


Deine Räume, in denen der Schlaf ungern kommt,

weil die Luft zum Atmen fehlt,

wo der Sensemann wohnt,

doch wo du Freisein erfährst in dieser großen Stadt,

obwohl sie einengt und preßt und viele Mauern hat.


Mein Gespräch, meine Lieder,

mein Haß und mein Glück,

mein Tag, meine Nacht, mein Vor, mein Zurück.

Dein halbtotet Bahnhof, wo ich unter denen steh,

die morgen, schon morgen in bessre Städte gehn.

Wo ich dich verlassen will,

immer wieder, immer noch,

ich schaff den Sprung auch,

ich schaff den Sprung doch.