Klaus Hoffmann - Ein Konzert( 1980 )

 

01. Puppen 02. Wakan tanka und sein Text("...wie der Hauch eines Büffels" von T.C. Mc. Luhan) (Zen-Text: Bi-yän-Lu)
03. Gerda 04. Ein Mann und eine Frau
05. Weil du nicht bist wie alle andern 06. Der Feuervogel
07. Die Frau am Fenster 08. Ämäricän Driem (Textpassage) 09. Kreuzberger Walzer
10. Was bleibt? 11. Die Melodie  12. Hanna 13. Ich möchte nicht stören (Textpassage)
14.
Die Mittelmäßigkeit 15. Estaminet
16. Sie nennen mich Tunte 17. Herrenmarsch (Textpassage)
18.
Herren 19. Nein 20. Salambo 21. Der Boxer 22. Ohne Ketten 23. Die Einsamkeit
24. Blinde Katharina 25. Wenn ich sing' 26. Brett vorm Kopp 27. Adieu Emile 28. Berlin

 

 

 

 

 

 

Puppen

Ich wollte deinen Namen wissen,

wollte hören, wie du heißt.

Du sagst, sie hätten ihn dir weggerissen,

und daß du ihn schon lange nicht mehr weißt.

Weil aus deinem Mund nur Zahlen kamen,

auf deiner Zunge Ziffern lagen,

seh' ich, daß du längst gebrochen bist,

daß dein Name eine Nummer ist.


Und schmeichelnd nahmst du meine Hand,

ich sollte in dir träumen

von Honigblumen, Tüll und Samt,

du wolltest nichts versäumen.

Weil so viel kluge Sprüche kamen,

die alle gar nicht deine eignen waren,

seh' ich, daß du längst gebrochen bist,

daß dein Herz sogar aus Gummi ist.


Und jauchzend holte ich dir Tag und Nacht

vom siebenten Himmel die Liebe,

ich hatte sie für dich zurechtgemacht,

doch sie schien dir hier am Boden zu trübe.

Weil du noch immer mit den Wölfen heulst,

dich nicht von deinen tausend Fäden befreist,

seh' ich , daß du längst gebrochen bist,

daß du nur noch eine Puppe bist.

Seh' ich , daß du längst gebrochen bist,

daß du nur noch eine Puppe bist.

 

 

 

 Gerda

Es ist Juli, Sommernächte fliegen ohne Hast,

verweilen kurz und schläfrig,

über Dächern und dem frisch gestochenen Torf.

Eine Meute kleiner Jungen

streift ein letztes Mal für diesen Tag

durch das abendlich

nach warmen Kühen duftende Dorf.

Dicke Mütter ziehn die Bengels zeternd

hinter schnell geschlossene Türen,

stoßen liebevoll den Kleinen zum Wassereimer hin,

das Lachen muß ihm wohl vergehn,

er sieht seinen Strullermann im Wasser stehn

und denkt an Gerda.

Durch die Stube drängt ein warmer Duft

von Großmutter und Schmalz und Wurst,

der Vater stinkt und lacht

und kneift die Frau.

Der Kleine läuft zum Vater hin,

ein Kuß mit Bier und Bart

und viel Gefühl,

die Mutter streicht ihm zärtlich durch das Haar.

Sie trägt ihn lachend in sein Bett,

sie küßt ihn, löscht das Licht

und schließt die Tür.

Er wartet, bleibt ganz still

und steht dann auf,

geht zum Fenster

und macht es auf,

sieht den Markplatz und die Nacht

und spürt den Wind

und sieht Gerda


Tanze, Gerda, tanze,

tanz die ganze Nacht,

brauchst sie nicht zu fürchten,

wir geben schon drauf acht,

daß nicht die Alten kommen,

tanze, Gerda, tanz.


Im Einhorn fängt die Nacht erst an,

da sitzen Melker neben manchen andern,

da steigt die Lotti, wenn sie voll ist, auf den Tisch,

da krachen Stühle,

wenn die Männer viel vom schweren Wein getrunken haben

und klatschen brüllend mit

wenn Lotti sich vergißt.

Da steht der Buckel auf

und sagt, ist Zeit,

die anderen gehen automatisch mit,

sie ziehen geschlossen Arm in Arm

nach draußen auf den Platz,

atmen gierig Wind und ihren Fusel ein

und die Lotti säuselt immer kräftig mit

und sehn auf Gerda.


Tanze, Gerda, tanze,

tanz die ganze Nacht,

brauchst sie nicht zu fürchten,

wir geben schon drauf acht,

daß nicht die Alten kommen,

tanze, Gerda, tanz.


Jetzt ist Nacht, erst richtig Nacht

und der Marktplatz tobt und kracht

und die Gören an den Fenstern brüllen mit.

Der Buckel sitzt auf einem Faß,

die Lotti hängt an seinem Arm

und beide starren auf die Mitte von dem Platz

wo der Sohn des Melkers tanzt,

in seinen Haaren krallt sich Gerda

und beide jagen aus der Menge jetzt heraus,

sie verschwinden im Dunkel der Nacht

und die Menge singt und lacht

und will wie Gerda.

Tanze, Gerda, tanze,

tanz die ganze Nacht,

brauchst sie nicht zu fürchten,

wir geben schon drauf acht,

daß nicht die Alten kommen,

tanze, Gerda, tanz.

 

 

 

Ein Mann und eine Frau (Textpassage)

Er ist ihr Mann,

und sie ist seine Frau.

Er zahlt immer für sie mit,

da ist er nicht kleinlich,

und sie kriegt manchmal den Schlüssel für den Wagen,

wenn sie mit seinen Freunden unterwegs war.

Er lädt oft Geschäftskollegen ein,

sie ist dann eine gute Hausfrau,

sollte aber nicht zu viel trinken.

Er lebt für seine Arbeit

und hat sein Konto.

Sie lebt für ihn und für die Kinder

und bekommt dafür ein Haushalts- und Taschengeld.

Abends nach der Arbeit, da braucht er sehr viel Ruhe,

nach dem Dings, diesem...äh

da schläft er meistens ein.

Sie liegt dann lange wach,

weint manchmal

und hat eine Sehnsucht.

Er will, daß seine Kinder mal so werden wie er,

und sie will, daß es den Kindern mal besser geht.

Wie gesagt,

er ist ihr Mann,

und sie ist seine Frau.

 

 

 

 

Weil Du nicht bist wie alle andern

Weil du nicht bist wie alle andern,

weil man dich niemals kaufen kann,

weil mit dir tausend Sterne wandern,

weil du auch Wölfin bist und Lamm.

Weil du noch Mut hast, um zu träumen,

weil in dir Schmetterlinge sind,

und weil du Zeit hast, dich an Bäumen

halbtot zu freuen wie ein Kind.


Weil du das große Abenteuer

wie ein Geheimnis mit dir führst,

weil du nicht satt bist und das Feuer

so vieler Leben in dir spürst.


Weil du nicht bist wie alle andern,

weil man dich niemals kaufen kann,

weil mit dir tausend Sterne wandern,

weil du auch Wölfin bist und Lamm.


Weil Du noch in dir suchst und zweifelst,

auch wenn du dich dabei verlierst,

und deine Grenzen überschreitest

und weil du Recht hast, wenn du irrst.


Weil du Verbote einfach ausläßt,

weil du Gesetze haßt wie ich,

weil du dich täglich etwas losläßt,

weil du die Schatten kennst vom Licht.


Weil du ein Herz hast wie ein Bahnhof,

aus dem ein Zug auf Reisen geht.

Und meine Stimme sagt: fahr nicht los,

wenn du für immer von mir gehst.


Weil du nicht bist wie alle andern,

auch wenn du ausgehst wie das Licht,

und mit dir tausend Sterne wandern,

weil es dich gibt, liebe ich dich.

 

 

 

Feuervogel

Hab keine Angst vor mir mein Lieb

komm, steh' vom Rinnstein auf

und geh mit mir ein kleines Stück.

Hab keine Angst vor mir, mein Lieb

brauchst keine Angst zu haben

vor dem düsteren Mann, der mit dir geht.

Regen fällt ganz sacht auf Blüten,

die schon jetzt zur Ruh' gegangen,

Morgenrot besingt der Vogel,

der schon bald vom Schlaf befangen.


Komm in das Land

wo der Feuervogel wohnt,

der mit Liebe dich belohnt,

weil dort Leben nur die Liebe ist,

weil die Liebe dort das Leben ist.


Hab keine Angst vor mir mein Lieb

und trage ich auch einen wilden schwarzen Bart.

Hab keine Angst vor mir mein Lieb

selbst dein Vater würde gern

wenn er nur könnt nach meiner Art.

Ich seh so viele graue Stunden

in deinem Kindgesicht,

auch spätere Jahre wischen nicht

die Narben vom Gesicht.


Komm in das Land

wo der Feuervogel wohnt,

der mit Liebe dich belohnt,

weil dort Leben nur die Liebe ist,

weil die Liebe dort das Leben ist.


Auch ich hab Angst mein Lieb,

der Sommer brennt im nächsten Herbst.

Auch ich hab Angst mein Lieb,

gib mir die Hand

dann wird es leicht das kalte Herz.

Der Regen wischt das Blut

aus meinem Feuervogelland,

doch Blut, bleibt dennoch Blut,

wischt es auch die allerreinste Hand.

 

Such dir ein Land,

wo der Feuervogel wohnt,

der mit Liebe uns belohnt,

weil dort Leben nur die Liebe ist,

weil die Liebe dort das Leben ist,

weil die Liebe dort das Leben ist.

 

 

Die Frau am Fenster

Sie stand am Fenster in der Küche

sie war ganz nackt und mattes, fahles Licht

kam aus dem Nachbarhaus von gegenüber,

fiel ihr auf Schultern, Brüste und Gesicht.


Doch aus den Augen flossen Tränen,

sie war so schön, als hätt' sie grad' geliebt,

und auf dem Rücken stand in unsichtbaren Lettern:

Ich bin ein eingesperrtes Tier, das nie mehr fliegt.


Sie ging zum Spülstein, nahm das Wasser

wusch sich die Schenkel, zwischen ihnen auch,

legte den Kopf ins frisch geweißte Handtuch

und sich die Hände auf den kalten Bauch.


Und horchte nach, ob sie noch da wär',

ob's da was gäbe, was ihr ähnlich sei,

doch was sie fand, war nur sein Name,

und der Geruch von ihm, der blieb ihr weiter treu.


Und in die Küche kroch der Abend

und brachte etwas Dämmerung,

sie zog sich an und ging ans offene Fenster,

hörte ihn rufen, doch drehte sich nicht um.


Sie horchte nach, ob sie noch da wär',

ob's da was gäbe, was ihr ähnlich sei,

doch was sie fand, war nur sein Name,

und der Geruch von ihm, der blieb ihr weiter treu.


Sie horchte nach, ob sie noch da wär',

ob's da was gäbe, was ihr ähnlich sei,

doch was sie fand, war nur sein Name,

und der Geruch von ihm, der blieb ihr weiter treu.

 

 

 

 

Ämäricän driem (Textpassage)

Ick würde gerne mit dir einmal den ämäricän driem erleben,

in eener Nacht wie von Cole Porter gemalt.

Mit dir zusammen in nem Wohnmobil

die 150 Programme des ämäricän footballs ertragen.

Cornflakes knabbern und denn um Mitternacht

den Gestreiften aus der Schrankwand holen.

Ick schmeiß ma in Schale, leg ma Pomade in meen Haar

und rauch ne filter Menthol.

Du ziehst dir dann och wat an, und raus sind wir

im Chevi uffn Highway,

in der Nacht von Ginger Rogers.

Du lehnst dein Haarteil an meene wattierte Schultern

und ick schmeiße ne Kassette von Joe Frazier in den Chevi

oder irgendeinen anderen King of the Blues.

Ick würde gerne mal mit dir im Autokino von Ohio sitzen,

in jeder Hand n Wopper,

der Chevi gähnt,

die Heizung brubbelt

und nochmal high mit dir 4 Stunden lang Ben Hur ertragen,

einmal.

 

Kreuzberger Walzer

Wenn det Gebimmel Evangelen und Katholen    

zum heilgen Umtrunk holt, 

sonntags, 

da mach ick ma auf, 

leicht geschminkt vom Kohlenholen 

trab ick nach Kreuzberg. 

An der Mauer blühen schon Veilchen,

und die Grenzer tragen Grün. 

Wir lieben uns im Stehn ein Weilchen 

und sehn´ne blasse Taube in den Osten fliehen. 

Du nimmst meine Hand im Gehen,    

wir küssen uns von Herz zu Herz. 

Wir bleiben jetzt öfter stehen 

und spürn ´ne Musik unsre Körper durchziehn, 

die läßt uns wohlergehn. 


Das ist der Kreuzberger Walzer, 

der haut dir den Schmalz aus´n Ohren, 

der läßt dich erzittern abends um acht, 

und morgens beginnt er von vorn. 

Und wie zwee kleene Speckbuletten 

sind wir schon beede fett vor Glück, 

zerfetzen wir den Tangoschritt 

und nehmen einen Walzer mit 

und steigen zum Mont Kaputt, 

gebaut auf Städteschutt, 

und zeigen dieser Stadt den Arsch.    

Der Walzer wird bestimmt kein Marsch, 

und wie zwee griffige Akkordeons 

plärren wir dein und mein Chanson 

und sind jetzt eins geworden. 

Zwischen Checkpoint Charly und Bernauer 

spiel ick sonntags Tennis an der Mauer. 

Mit der Linken üb ick Rückhand, 

so hau ick den Ball über den Wall 

ins andere Land. 

Det ist jetzt ´n Volkssport geworden, 

det Mauercuptennismatch, 

am Sonntag da stehen die Horden 

und haben Kontakt auch ohne Vertrag 

von Ost nach West.    


Das nennt man den Kreuzberger Walzer 

das Mauercuptennismatch, 

das spielt man am Sonntag von West nach Ost 

und och von Ost nach West. 

Und wie zwee kleene Speckbuletten sind 

wir schon beede fett vor Glück.






Was bleibt
Stolpernd suchen deine Füße Halt,
auf Kopfstein tappst du hin, siehst bald deine Hündin an der Kneipe stehn,
du merkst, du hast nicht mal ein festes Wort für sie.
Spürst seit Tagen nur noch Krampf in dir,
vertuscht ihn, spülst ihn weg, rauchst viel.
Und wie immer wartest Du mit fremden Freunden
an langen Tischen auf den nächsten Morgen.
Lachend läßt der Tag dich fallen,
wieder weißt du nicht, wofür du tust -
Was dir und mir noch bleibt,
was schon zu unserm Glück gehört,
was in uns Tag und Nacht verweilt,
nicht mal mehr unsre Träume stört,
ist vielleicht nur Angst,
die uns nach vorne treibt.
Man hat zum Springpferd dich gemacht,
gezäumt für Hürden flott gemacht,
und wenn du erste Schwächen zeigst,
kommen Regenmacher, Priester und Doktoren. Die schmeicheln dir die Sonn' ins Ohr,
ziehst lieber ihre Lügen vor,
als eine triste Wahrheit, die du denkst,
du hier ja doch nicht ändern kannst.
Lachend läßt der Tag dich fallen,
wieder weißt du nicht, wofür du tust -
Was dir und mir noch bleibt,
was schon zu unserm Glück gehört,
was in uns Tag und Nacht verweilt,
nicht mal mehr unsre Träume stört, ist vielleicht nur Angst,
die uns nach vorne treibt.
Da stehst du nun suchst eine Furt
im Bächlein, der zum Wildbach wurd',
starrst auf ein andres Ufer,
das so viele Träume, Hoffnungen, doch offen läßt. Du wartest auf den Morgenwind,
der dir einen Fährmann bringt,
und plötzlich siehst du, wie du schon
bis an den Hals im tiefen Wasser stehst.
Unsre Zeit ist jetzt und hier,
da gibt's kein gestern und kein morgen -
Nur was uns von den Alten bleibt,
was schon zu unserm Glück gehört,
was in uns Tag und Nacht verweilt,
nicht mal mehr unsre Träume stört,
ist bestimmt nur Angst,
die uns nach vorne treibt.

 

 

 

Die Melodie

Die Uhr hält niemals an

und doch: er bleibt ihr Mann,

auch wenn er vor ihr aus dem Leben ging.

Sie kennt sein Lächeln noch

und auch sein 'aber doch'

und seinen Mund, an dem sie immer hing.


Doch wenn die Katze schreit

und ihre Einsamkeit 

der einzige Gast ist, den sie nicht mehr braucht,

holt sie sein Paßbild raus

und stellt die Uhr auf 'Aus'

macht das Kästchen mit dem Klingklang auf.


Die Melodie 

vergißt sie nie,

er ist ihr nah, 

so greifbar nah,

die Melodie 

verwandelt sie,

sie kann ihn sehen, 

die Zeit bleibt stehn.


Und sie erinnert sich 

an dieses Kindgesicht,

an jene Nacht, 

die so entscheidend war,

als die Gestapo kam 

und ihren Mann mitnahm,

weil er als Kommunist gefährlich war,

Und jener Leutnant stand 

dort an der rechten Wand

und las die Namen mit den Kreuzchen vor,

und sie sah sein Gesicht, 

und das vergißt sie nicht,

denn seine Stimme hängt ihr noch im Ohr.


Die Melodie 

vergißt sie nie,

er ist ihr nah, 

so greifbar nah,

die Melodie 

verwandelt sie,

sie kann ihn sehen, 

die Zeit blieb stehn.

Die Uhr hält niemals an 

und manchmal denkt sie dran,

daß ihre Zeit längst abgelaufen ist.

Sie lebte nur für ihn, 

sie gab ihm alles hin

und fragt sich heute, 

was sie jetzt noch nützt,

Doch wenn sie stundenlang 

mit Blumen in der Hand

an seinem Grab hockt, lebt er noch für sie,

doch wenn sie müde wird 

und sie ihr Rheuma spürt,

bleibt sie allein mit ihrer Melodie.


Die Melodie 

vergißt sie nie,

er ist ihr nah, 

so greifbar nah,

die Melodie 

verwandelt sie,

sie kann ihn sehen, 

die Zeit blieb stehn.

 

 

 

Hanna

Am Busbahnhof vorbei, in der Bonhöferallee,

hinter Mauern, wo die Irren sind, 

in diesen Häusern lebt sie Tag für Tag 

als schweigend altes Kind. 

Sie trägt eine Krone aus Papier, 

ihren Bademantel schleppt sie nach, 

die andern haben sie so ausstaffiert, 

zur Königin gemacht. 


Hanna, Königin der Staunenden, 

du lebst in deinem Innern, 

hängst deinen Träumen nach. 

Hanna, die haben dich dort abgestellt, 

du träumst in deiner eignen Welt, 

doch lebensfähig bist du nicht. 


Sie hatte Mescalin geschluckt, 

war einmal völlig durchgedreht,

da wurde sie dort eingelocht,

und für verrückt erklärt.

Jetzt hockt sie da als Irre 

und weiß überhaupt nichts mehr, 

sie hatte keine eignen Werte mehr.

Trittst du einmal aus der Reihe aus, 

willst nicht weiter, bist verwirrt, 

schlägt deine Umwelt zu, 

die sauber ist und niemals irrt, 

denn aus der Reihe treten, Fragen stellen, 

heißt allein, unbequem zu sein. 




Ich möchte nicht stören (Textpassage)


Entschuldigung, ich möchte nicht stören,

aber würden Sie mir meine Träume wiedergeben?

Ich weiß, sie müssen archiviert werden,

aber, vielleicht ginge es für einen Tag?

Wissen Sie, ich habe schon meinen Todestermin verschoben,

um wenigstens einmal ein anderer zu sein.

Was gäbe ich drum, einmal einen meiner Träume erleben zu dürfen.

Schauen Sie. Es ist wirklich keine Gefahr für sie,

mein Körper ist doch nur noch Hülle,

er bewegt sich wie von selbst,

völlig ungefährlich,

wie eine Puppe.

Also ist auch jede Beobachtung unnötig,

denn wie Sie selbst sagen:

registriert,

kontrolliert,

eingeordnet und zensiert,

gefügsam leise,

zahm und still

darf jeder machen was er will.

Entschuldigung, ich will nicht stören,

aber würden Sie mir meine Träume wiedergeben.

 

 




Die Mittelmäßigkeit

Jeden Morgen das gleiche Ritual.

Jeden Morgen ein Gesicht in gleicher Qual.

Jeden Morgen dieses Fügen

vor dem Spiegel und im Bus.

Jeden Morgen die Fragen,

ob ich will und ob ich muß.


Jeden Tag im Mantel gleiche Haltung.

Jeden Tag meine Meinung aus der Zeitung.

Jeden Tag das Wissen um Veränderung.

Jeden Tag in mir die gleiche Lähmung.


Jede Nacht im Bett den gleichen Vorwurf.

Jede Nacht den gleichen Traum

von Angst und Flucht.

Jede Nacht mit offnen Augen alles sehn.

Jede Nacht zu warten, daß die Ängste gehn.


Jeden Augenblick in eine Lüge quäln,

muß dich betrügen, um nicht durchzudrehn.

Wieder mal wissen, du bist ausgekniffen,

hast dich nicht gestellt, hast dich selber verpfiffen.


Die Mittelmäßigkeit

verhindert jeden Streit.


Seh sie oft mit Blättern an den Ecken stehn,

manche jünger noch als ich, wag nicht hinzugehn.

Will vorüber tauchen, merk ´ne Ablehnung in mir,

ohne sie gehört zu haben, ist die Angst in mir.


Bisher hab ich mich noch nie geäußert über Politik,

wollte nie beteiligt sein, zog mit jedem mit.

Doch sie sagen, mein Schweigen

bringt viel Schlimmes ein.

Es verhilft, daß andere noch viel lauter schrein.


Soll ich in der Mitte stehn?

Soll ich keine Fragen stelln?

Soll ich denn im Rahmen bleiben,

jeden Streit vermeiden?


Geh ich allem aus dem Weg,

noch eh der Kampf beginnt,

haben andre schon,

was ich denken soll, bestimmt.


Die Mittelmäßigkeit

verhindert jeden Streit.





Estaminet
(Stadt ohne Sonne)


Die Nacht verschenkt ihr graues Band

zu früh ersteigt die Silberwand,

wenn kühl der Morgen aufgewacht,

noch ist sie still, die Stadt.

Nur in der Gosse regt sich schon

ein kleiner mieser Kammerton,

´ne halbwegs weiße Taube singt

von ´nem besseren Land.

Und auf dem breiten Boulevard,

wo gestern noch Gelächter war,

sind alle Stühle hochgeklappt,

ja, sie ist still, die Stadt,

Und durch den Nebel, der zerbricht,

siehst du ganz fern das Licht,

Gesichter Staub am Horizont,

die Karawane kommt.


Estaminet, Estaminet,

alte Kneipe, tuts auch weh,

ich werde gehn,

werde gehn.


Die Stadt macht ihre Fenster auf,

hängt großkarierte Bettten raus.

Nach einer heißen lauen Nacht

ist sie jetzt aufgewacht.

Und dort im Hausflur steht versteckt

der Junge, wartet auf den Treck,

denn alles, was hier dampft und kriecht,

das hält ihn nicht.

Er steht und friert und starrt gebannt,

hält sein Gepäck fest in der Hand,

er hat sie oft im Traum gesehn,

wie sie nach Süden ziehn.

Und mit Gesang und Schellenklang,

hört er sie aus der Vorstadt nahn,

ein Mädchen führt die Vielen an -

die Karawane kommt.


Junge, nimm dein letztes Geld

und schmeiß dich in die große Welt,

soviel gibts, was du lernen mußt,

im Überfluß.

Schnür dir dein Bündel ruhig gut,

laß dir´s nicht nehmen, du brauchst Mut

für diesen Trip aus eigner Hand

ins fremde Land.

Und sie reden von Angst und Flucht,

die haben niemals was gesucht,

was sie so traurig stimmt

ist, daß sie so mutlos sind.

Und lerne viel im anderen Land,

komm zurück, geh uns zur Hand,

hier gibts noch viel, so viel zu tun.






Sie nennen mich Tunte
Wenn meine Boa, als Vorhang zur Nacht
einer Schlange gleich an mir entgleitet,
bin ich ein König, verstoßen, verlacht, 
in den prächtigsten Farben gekleidet.
Für Dich, Geliebter, verschenke ich mich,
ich bin Medea und bin der King Lear.
Spuck der Moral in ihr blasses Gesicht,
denn weil wir uns lieben, lügen wir.
Sie nennen mich Tunte
(laß sie reden!)
Tucke, Homo, schwules Schwein
Tunte
(laß sie reden, was gäben sie darum, 
einmal so wie du zu sein)
Tunte
(laß sie reden!)
Tucke, Homo, schwule Sau
Tunte
(laß sie reden!)
weil ich ein Mann bin und eine Frau.
Für Dich verschenke ich mein Lachen,
für Dich bin ich gekleidet wie ein Pfau.
Meine Welt sind ein paar bunte Lappen, mein Himmel aus Papier, der bleibt auch blau.
Mit Dir zusammen leb' ich einen Traum
und spuck der ganzen Plastikwelt ins Gesicht,
ich pflücke uns das Äpfelchen vom Baum,
Adam und Eva werden froh.
Sie nennen mich Tunte
(laß sie reden!)
Tucke, Homo, schwules Schwein
Tunte
(laß sie reden, was gäben sie darum, 
einmal so wie du zu sein)
Tunte
(laß sie reden!)
Tucke, Homo, schwule Sau
Tunte
(laß sie reden!)
weil ich ein Mann bin und eine Frau.
Liebe mich, mein Freund, sei ohne Zügel,
laß sie bellen, sie bellen doch aus Angst,
Verbote beschneiden ihre Flügel,
sie hassen doch ihr Loch, sie hassen ihren Schwanz.
Zauberer in Moschus und in Leder,
die Nacht bittet uns Liebende herein.
Ich will Liebe und das Glück wie jeder
und wage es, ein anderer zu sein.
Sie nennen mich Tunte
(laß sie reden!)
Tucke, Homo, schwules Schwein
Tunte
(laß sie reden, was gäben sie darum, 
einmal so wie du zu sein)
Tunte
(laß sie reden!)
Tucke, Homo, schwule Sau
Tunte
(laß sie reden!)
weil ich ein Mann bin und eine Frau.
Tunte
(laß sie reden)
Tucke, Homo, schwules Schwein
Tunte
(laß sie reden, was gäben sie darum, 
einmal so wie du zu sein)
Tunte
(laß sie reden)
Tucke, Homo, schwule Sau
Tunte
(laß sie reden)
weil ich ein Mann bin und eine Frau.

Herrenmarsch

Ganz Mann, ganz Mann, seit hunderten von Jahren

sicher in Uniform, Aktenmappen tragend

mit Ketten spielend, fürs Frauchen gemacht

die Sklavin gehorcht, hats immer so gemacht.

 

Herren, Herren, Herren

 

Mit glattrasiertem Schädel, einer schreit, die andern folgen,

kumpelhaft mit dem Tripper zeigend, 1-2-1-2 morgen

im Gleichschritt vor die Tore, wer zieht mit,

Söldner und GIs übt den Tritt.

 

Herren, Herren, Herren

 

Herren aller Länder, formiert Euch zum Geschrei

ölt Eure Knarren, auch die Jugend ist dabei,

schneidet euch die Schwänze ab, zerhackt euch zu dritt,

die Alten gehn voran, die Jungen ziehn schon mit.

 

Herren, Herren, Herren.

 

 


Herren



Sie sind so hart, so ungeheuer lässig

sie weinen nie, und wenn dann unbemerkt.

Sie finden Liebe äußerst nebensächlich

und schätzen Banken, Panzer und ihr Schwert.


Sie geben sich wie strenge Argentinier

sie sind durchblutet wie ein rohes Steak.

Und wenn sie abends ihre alten Lieder

lauthals brüllen, dann hör ich lieber weg.


Sie sind sehr stark, nicht nur in Uniformen,

sie haben Macht, das steht auf jedem Scheck.

Sie schaffen Ordnung nach bewährten Normen,

fließt etwas Blut, erfüllt es seinen Zweck.


Doch wenn sie lieben, dann als Kamerad,

einem Weibe wohlgesinnt,

und sie bocken nur nach Gutsherrenart,

kurz und heftig, aber bestimmt.


Herren, Herren, Herren!

Man sieht sie überall zu allen Zeiten,

ein jeder Herr hat auch noch einen Sohn,

die wollen alle für den Fortschritt streiten,

es sind die Herzschrittmacher der Nation.


Ihr Schreibtisch ist wie eine Guillotine,

sie sind auch Mensch, doch täusche Dich nicht,

denn sie morden mit unschuldiger Mine

ja, der Herr hat auch ein Damengesicht


Herren, Herren, Herren!

Beamte, Gurus und auch Generale

nicht mal im Grabe sehen wir uns gleich.

Die Herrlichkeit trägt eine goldne Schale,

und die heißt Macht, lebendig und als Leich.


Ich will das Wort aus meinem Leben streichen,

den Herren dienen war nie meine Pflicht,

sie mögen doch als Kloaufschriften reichen

es kommt der Tag, der unsere Herzen bricht.


Herren, Herren, Herren!












Nein

Wenn nach Gesang und Bier

sich so ´ne Stimmung einschleicht,

´n Typ mir seine Hände reicht

und stöhnt dabei vor Mitgefühl,

denk ich - nein.


Und er klopft mir anerkennend auf den Hals,

er meint sich selbst oder andernfalls

sein gutes Herz,

und er grunzt vor Schmerz - nein.

Und er kommt dann auf den Trip zu reden,

und er redet, redet über jeden,

es müßte was getan werden und so fort

und zwar nur hier und zwar sofort.

Er redet von Veränderung,

das bringt ihn richtig mal auf Schwung,

und er fragt mich nach der Meinung,

dann sag ich ja,

hm, ich sag - ja!


Doch ich sag nein zu dem, der alles gut versteht

und sich nach jedem Winde dreht,

der seine Regeln pflegt wie einen Heiligenschein -

nein.

Der gegen Totschlag auf die Straße geht

und abends seine Frauen schlägt

und friert in seinen Lügen ein-nein.

Ich laß´nen Riesenfurz auf die Laberkommission,

deren Krampf und Lügen schleppen wir seit Jahren mit uns rum.

Die mit offnen Augen pennen, schwatzen,

jeden Fortschritt hemmen

und kriechen in jeden Arsch hinein,

für die ein Nein.


Doch ich sag ja zu allem, was nur Freude macht,

was sich dreht und was nicht nachgedacht.

Ich steh zur großen Unvernunft,

ein breites Lachen muß ich tragen.

Sag ja zum Narren, der sehr gut versteht,

daß sich alles um die Ordnung dreht.

Sag ja zu dem, der nicht jeden Dreck

gekastelt hat und abgesteckt.

Mutter, wer hat mich denn nur gelehrt,

mit diesem Ja und Amen zu leben.


Wenn beim Bäcker morgens

schon ein Schwatz entsteht,

voll Verlogenheit bis in die Nacht reingeht,

Gesichter friern ihr Lächeln ein,

denk ich uahh....

Die verheimlichen aus Tradition

ihre Meinung schon seit der Steinzeit schon

gehen sie jedem Dicken nach,

mir wird uahh....

Diese Hirnies motzen über jedes längre Haar,

bloß ihr eignes in der Suppe

pflegen sie schon tausend Jahr´.

Seht doch diese Massen von Armeen,

die sich noch immer öffentlich begraben.







Salambo

Ich bin Kellner hier in diesem tollen Schuppen,

wenn das Licht ausgeht, beginnt 'ne heiße Schau

Aus der ganzen Welt beziehen wir die Nutten,

doch die wenigsten davon sind eine Frau.


Von der Sitte kommen jeden Abend Herren,

falls sich einer von den Gästen mal beschwert,

doch die Prominenz läßt sich davon nicht stören,

auch Minister haben hier schon mal verkehrt.


Alle sind bei uns zu jeder Zeit willkommen,

sogar Gruppenreisen werden arrangiert,

fühlt sich einer von den Herren leicht benommen,

wird er sanft in einen Nebenraum geführt.


Heute Nacht zeigt sich vor all den feinen Leuten

die Moral ganz ungeschminkt, doch völlig nackt

auf den Brettern die die geile Welt bedeuten,

zieht sie Gesichter, die man nur zu Hause macht.


Die Bühne frei für Sodom und Gomorrha,

Graf Porno ist bereit für jeden Ritt,

Dornröschen fällt vor Abscheu in Sexstasia,

aber alle klatschen wie die Blöden mit.


Und ich kellner hier, sie kennen mich ja schon,

doch um 12 bin ich die Spitzenattraktion,

dann heiß ich Claudia und tanze die Fandango,

im Salambo.


Wo die Liebe auffällt, hinterläßt sie Spuren,

denn sie musiziert bestimmt keinen Choral,

unter all den schönen Strichern und den Huren,

fühlen Spießer und Studenten sich normal.


Hier gibt´s Zwerge und dressiert Pekinesen,

schlanke Tänzer steigen in das Lotterbett,

Ledermänner, Gummidamen, Fabelwesen,

doch die schlimmsten davon sind aus dem Parkett.


Legionäre kommen von den fernsten Küsten,

um dabei zu sein bei unserm tollen Fest,

manche treiben es sogar mit Polizisten,

und bezahlen noch dafür, daß man sie läßt.


Ich steh´meistens hinterm Vorhang an der Rampe

und pass auf, daß alle ächzen, knutschen, schrein

nur benimmt sich einer wie 'ne echte Schlampe,

dann werd' ich auch privat und hau ihm eine rein.


Die Königin bei uns ist Josefine

sie ist so etwas wie die Heilige Nacht,

und jeder starrt ergriffen auf die Bühne,

wenn der Engel seine Kerzennummer macht.


Und ich kellner hier, sie kennen mich ja schon,

doch um 12 bin ich die Spitzenattraktion,

dann heiß ich Claudia und tanze die Fandango,

im Salambo.

 

 

 


Der Boxer

Rechts ein Stein und ein Baum,

links ein Weg, der dich führt.

Du spürst harten Kies, siehst drei junge Türken stehn,

die fischen in der Spree,

rechts ein Stein und ein Baum,

es ist Sommer im Park.

Da sitzen sie bei Picknick und Tschai.

Alte und Kinder, die schreien sich frei,

und die Zeit schlägt im Takt ihre Kräfte entzwei,

davon bleibt was, davon bleibt was.


Das geht mich immer noch an,

was gewesen ist, greift mich und zieht mich in Bann,

das trag ich auch in Nächten mit,

das hält auch in Träumen Schritt,

das hab ich gehaßt und auch gesucht,

hab so ´ne Sehnsucht.


Da ist Gewalt und die hat Macht,

da ist die Lüge Gebot,

da brauchst du ein Herz aus Beton.

Da findest du die Kinder auf jedem Hof,

die üben den Alltag der Stadt,

an jeder Wand ein Boxer steht,

der Junge macht sich stark,

er hat seine Fäuste zum Himmel gestreckt,

denn er weiß, wer nicht kämpft, der ist bald verreckt,

und er übt für den Tag, wo er alles bezahlt,

wo er rauskommt, ganz groß rauskommt.


Da steht ein Haus, ´ne Couch,

da hängt ein See an der Wand,

da riechts nach Schnaps und Likör.

Sie essen und essen und prosten sich an,

die trinken Schluck für Schluck Gleichgültigkeit,

da ist viel Einsamkeit.

Und der Boxer sitzt da, er hockt mittendrinn,

hält verkrampft seine Tasse, er starrt so vor sich hin,

und er träumt von ´nem Land,

von ´nem Land ohne Geld,

träumt von Cuba, vielleicht Cuba.


 



Ohne Ketten

Ich seh dich so frei?

du bist mir fremd

bei mir warst du anders

mit Ängsten.

Jetzt bist du locker

so ganz entspannt.

Du lachst mehr, sprichst freier

bist irgendwie angelangt.

Ich sah dich noch nie so

du bist eine Fremde für mich

du hast eigene Freunde

ein eigenes Lachen

einen eigenen Verstand.

Sonst warst du mein Bild

mein uraltes Bild

du bist aus dem Rahmen gefallen.

Trauer?

Oh nein, du bist doch so viel du selbst

du lebst ohne Angst

ohne Schuld

ohne Ketten.

Ich wollte dich immer ohne Ketten

doch war ich auch Schmied.

Jetzt bist du

kein Komma mehr aus meinen Sätzen

jetzt bist du

die ganze Geschichte,

die ich so falsch erzählte.

 

 


Die Einsamkeit

In den Nächten, diesen Nächten

vermisse ich Gemeinsamkeit,

den Duft von dunklen Frauenhaaren,

das Tasten auf der warmen Haut.

Da sitze ich in dem Gefängnis 

meiner zehn Gebote

und bin bereit, bin so bereit 

nach Küssen und nach Zärtlichkeit.

Mir bleibt in diesen Stunden

ein mir vertrautes Kleid,

es hält mich sanft umschlungen,

die Einsamkeit


Geh zu den Folterkammern,

in Discos, Bars und Flipperstuben,

folge den aufgeputzten Körpern.

Bist Du reich, dann kauf sie Dir,

vergesse Dich im Licht der Neons.

Götter gaben uns Musik!

Mädchen lächeln nur in Posen,

sie warten noch auf König Frosch 

und rote Rosen.

Und auf den müden Augen

steht stumm: ich bin bereit.

Sie wird es nicht erlauben,

die Einsamkeit


Nimm mich mit, 

es ist Nacht

ja, Du darfst 

endlich denken,

ja, Du darfst 

endlich fühlen,

Nimm mich mit,

es vergeht mein Gesicht

es vergeht dieses Wort

nimm mich mit. 

Halt mich fest,

es ist Nacht, 

ja Du darfst,

keine Angst!


Doch wenn der nächste Morgen

uns seine Sonne leiht,

hält sich in uns verborgen

die Einsamkeit.

 

 

 

Blinde Katharina

Sie trägt auf ihrem Kleide

Phosphorfarben für die Nacht,

für sie ist immer Schweigen,

ob sie redet oder lacht.

Ihre Augen sind die Hände,

sie erkennt dich durchs Gehör,

in ihrer Welt sind viele Wände,

die sieht sie bloß nicht mehr.


Katharina mach mir Mut und halte mich,

gibt's morgen auch kein Wiedersehen,

ich bin doch der Blinde darum führe mich,

du kannst im Dunkeln gehn.

Nur weil ich vermute, daß ich sehend bin,

brauch' ich doch nichts erkennen.

Komm wir schmeißen einfach alle Regeln hin,

du zeigst mir, wie man sieht.


Sie lehrt mich aus der Stille,

wie man wartet, wie man schweigt,

und zeigt aus Herzensfülle,

mal Zorn, mal Heiterkeit.

Wenn sie liebt, dann ist nur Liebe,

wenn sie haßt, dann ist nur Haß,

alles, was sie tut, ist jetzt sofort

mit unbegrenztem Spaß.


Katharina mach mir Mut und halte mich,

gibt's morgen auch kein Wiedersehen,

ich bin doch der Blinde darum führe mich,

du kannst im Dunkeln gehn.

Nur weil ich vermute, daß ich sehend bin,

brauch' ich doch nichts erkennen.

Komm wir schmeißen einfach alle Regeln hin,

du zeigst mir, wie man sieht.


Blinde sind wie Kinder,

deren Herzen man zerbricht,

sie wollen auch im Winter

nur ans Licht, nur ans Licht.

Katharina mach mir Mut und halte mich,

gibt's morgen auch kein Wiedersehen,

ich bin doch der Blinde darum führe mich,

du kannst im Dunkeln gehn.

Nur weil ich vermute, daß ich sehend bin,

brauch' ich doch nichts erkennen.

Komm wir schmeißen einfach alle Regeln hin,

du zeigst mir, wie man sieht.

 

 

 

Wenn ich sing'

Und du hast Pferde gekauft, oben im Norden Bamians,

hast die Mädchen aus Frankfurt gesehen,

die ihre Wünsche in die staubige Straße spuckten.

Die wollten weiter zu den Gurus nach Goa,

und duwarst viele Joints unterwegs von Pancho nach Tschakcheran

und bist dir kein Stück näher gekommen.


Und du hast in dir gesessen, viele Nächte im klaren Frost,

den Ochsen in dir gesucht, bis er oft greifbar nah war,

warst auf den Märkten von Stambul und in den Kneipen von Ivalo,

mal vegetarisch, mal steakversessen

und bist dir kein Stück näher gekommen.


Und hattest Träume von Castaneda und Bloch,

hast dich in den Nächten wie´s trunkene Schiff durch Sehnsüchte gewälzt,

mit fremden Körpern die Scham bekämpft.

Die suchten in dir, was du suchtest,

und du hattest am nächsten Morgen den faden Geschmack von Kastanien

und bist dir kein Stück näher gekommen,

und standest sooft an der Wand, mit dem hochmütigen Blick des Richters,

du wärest zu gern beteiligt gewesen an der Spontaneität der anderen,

hattest immer ein ‚Aber' bereit,

sprangst dann doch mitten hinein ohne zu denken,

erlebtest ein paar Momente des Glücks

und warst minutenlang du.


Wenn ich sing' ist ein Mantra in mir,

wenn ich sing', dann sing' ich mit dir,

wenn ich sing', wenn ich sing',

wenn ich sing', dann bin ich mir nah.


Wenn ich sing' ist die Angst nicht mehr da,

wenn ich sing' wird ein Augenblick wahr,

wenn ich sing', wenn ich sing',

wenn ich sing', dann bin ich dir nah.


Wenn ich sing' singt alles heraus,

was kaputt, verboten, zerschlagen, im Aus,

wenn ich sing', wenn ich sing',

wenn ich sing', dann bin ich dir nah.


Wenn ich sing' singt mein Kopf,

mein Schwanz und mein Herz,

wenn ich sing', singt die Hoffnung, 

der Krampf, mein Schmerz,

wenn ich sing', wenn ich sing',

wenn ich sing', dann bin ich dir nah.


Wenn ich sing' fliegt ein Stück Unterdrückung heraus

wenn ich sing' werden Stimme und Worte zur Faust,

wenn ich sing', wenn ich sing',

wenn ich sing', dann bin ich dir nah.


Wenn ich sing' sing' ich mit Papa Villon,

mit B.B und Robert und mit Rimbaud,

wenn ich sing', wenn ich sing', 

wenn ich sing', dann bin ich dir nah.


Wenn ich sing', weiß ich immer noch nicht, warum 

ich sing', ich weiß nicht, vielleicht 

wenn ich sing', wenn ich sing', 

wenn ich sing', dann bin ich dir nah,

wenn ich sing', dann bin ich mir nah

wenn ich sing' singst du.

 

 

 

Brett vorm Kopp

Ick hab Berlin in mein' Herz,

weil ick Berliner bin.

Ick hab die Taschen voll

mit Icke-lieb-die-Dicken.

Ick klau mir abends,

wenn der Schnaps mir uff der Birne liegt

'n Stückchen Mauer

für mein Zahn und seine Lücke.

Mit dem Gebiß, wat ick so passend im Gesichte trag,

nag ick ma bis zum Herzen dieser Städter hin.

Ick vergeß dabei och nich,

daß ick 'n kleener Scheißer bin,

denn dieses Brett vorm Kopp

det macht mich noch nicht blind.

Ick lös die Knoten meener Kumpels

morgens an der Autobahn,

wenn sie mal bis nach Alaska wolln,

weil se keene Luft mehr kriegn.

Die haben sich total verfahrn,

haben ewig Stunk mir ihren tollen Ollen.

Diese ganze Meute Mauerpsychopaten

tragen flott 'n stacheldrahtbesetztet Brett durch ihre Stadt.

Und ick leg ma uffn Rücken,

glotz mir die Augen ausm Kopp.

Ick freu ma, daß ick noch meinen Himmel hab.

Und komm ick abends aus der Kneipe,

tret ick gleich in wat hinein,

doch det stinkt ma nich,

ich mach damit mein Geld,

denn ick gieß den Hundedreck

in kleene Plastikwürfel ein,

aber nur, wenn mir die Scheiße och gefällt.

Det verkof ick an Besucher als Touristenattraktion,

setz det ganze noch als Städtewerbung ab,

jetzt hat so mancher an sein Bett 'n kleenen Plastikwürfel stehn,

denn diese Stadt darf nich in Scheiße untergehn.

Wir ham 'ne Werkstatt uffm Hof eröffnet,

weil sich det rentiert,

sogar die UNO fragte uns schon mal um Rat.

'n Riesenwürfel solln wa bauen für 'ne Friedenskonferenz,

so richtig massig,

zwanzig Meter im Quadrat,

der soll sich uffm Sockel drehen

mitten in New York,

wird abends angestrahlt

und och noch streng bewacht.

Bloß den Schiß aller Nationen

sollt er zeigen,

det war zu stark,

da ham wa nee gesagt,

det ham wa nicht gemacht.

Ick hab Berlin in mein Herz,

weil ick Berliner bin, und geb

ick morgen meenen Löffel ab, wat solls.

Ick hab genug Respekt vorm Tod,

nur überraschen soll er mir,

denn so mit langsam siechen,

det fänd ich nich so toll.

Mal sehen, vielleicht trifft mich 'n Blitz beim Scheißen,

weil ick oft so gröl

und 'n Heilger fühlt im Tiefschlaf sich gestört.

Wenn det passiert,

soll folgendet auf meinem Grabstein stehn,

wenn det passiert,

soll folgendet auf meinem Plastikwürfel stehn:

sein letzter Ton war dieser Stadt nicht angenehm.



Berlin

Mein Gespräch, meine Lieder, 

mein Haß und mein Glück, 

mein Tag, meine Nacht, mein Vor, mein Zurück, 

meine Sonne und Schatten, Zweifel, die ich hab, 

an dir und in mir bis zum letzten Tag. 

Deine Straßen, wo ich fliehe, stolper und fall, 

deine Wärme, die ich brauch, die ich spüre überall.


Verkauf dich nicht, 

Berlin, 

jung bist du nicht, 

du alterst so schnell, 

buckelst zu sehr, 

trägst an den Geldern der Freier so schwer. 

Die werden gehn, 

dich sterben sehn, 

Berlin, 

Geliebte Berlin.


Deine Ecken und Winkel, deine Höfe ungezählt, 

wo der Dreck und die Armut nach Veränderung bellt, 

dein Rausch am Morgen

riecht nach Haschisch und Bier, 

und Rotz fällt gelassen auf Gassen von dir.

Deine Märkte, die Weiber, ihre Ruhe, ihre List 

und manchmal ein Witz, der mich in den Magen trifft.


Deine Häuser mit Fluren, 

wo man prügelt, wo man lacht, 

wo man, wenns dunkel wird, 

neue Mitbewohner macht.


Deine Räume, in denen der Schlaf ungern kommt,

weil die Luft zum Atmen fehlt,

wo der Sensemann wohnt,

doch wo du Freisein erfährst in dieser großen Stadt,

obwohl sie einengt und preßt und viele Mauern hat.


Mein Gespräch, meine Lieder,

mein Haß und mein Glück,

mein Tag, meine Nacht, mein Vor, mein Zurück.

Dein halbtotet Bahnhof, wo ich unter denen steh,

die morgen, schon morgen in bessre Städte gehn.

Wo ich dich verlassen will,

immer wieder, immer noch,

ich schaff den Sprung auch,

ich schaff den Sprung doch.